Camino 2, Tag 6, Teil 1

An diesem letzten Tag unterwegs war ich hochmotiviert und sehr aufgeregt. Ich freute mich auch darauf, alleine in Muxía anzukommen. Ich wollte als Erstes zurück zur schönen kleinen Gaststätte vom Vortag gehen, um zu frühstücken. Als ich jedoch eine Pilgerbekanntschaft durch das Fenster eines anderen Cafés auf dem Weg dahin erkannte, entschied ich mich, dort zu frühstücken.

Ich ging herein. Wir grüßten uns; er ging aber gleich zu einem Tisch herüber, ohne den Eindruck zu erwecken, dass er Gesellschaft haben wollte.

Im Café entdeckte ich eine weitere Bekanntschaft, die zuerst nach Muxía gelaufen war und dann zum Kap Finisterre laufen wollte. Ich hatte die andere Variante ausgewählt: zuerst Fisterra und Muxía zum Schluss. Wir plauderten kurz sehr angeregt über unsere jeweils hinterlegten Strecken, jedoch hatte ich bei ihm auch nicht das Gefühl, dass es passte, wenn wir gleich zusammensäßen. Ich ging also lieber zu einem freien Tisch.
Ich wurde von einem weiteren Tisch aus angesprochen. Es handelte sich um eine Wanderin, die ich in Fisterra auf der Straße mit derjenigen verwechselt hatte, mit der ich in Porto den letzten Abend vor dem Start meines Camino Portugués verbracht hatte. Ich rutschte dann zu ihrem Tisch, so dass wir uns etwas kennenlernen konnten.
Auch eine Dänin. Darum vielleicht die für mich verblüffende Ähnlichkeit? Ich schämte mich zwar darüber, dass ich zwei Menschen verwechselt hatte, während sie für deren Landsleute vermutlich klar voneinander zu unterscheiden waren. Wer weiß, vielleicht war es aber nicht so und sie sahen sich WIRKLICH ähnlich?

Morgenritual

Jedenfalls war der Plausch sehr nett. Wobei auch sie gerade sehr redselig war, obwohl wir uns beide darüber einigen konnten, dass ein bisschen mehr Ruhe und weniger Plaudern auf dem Jakobsweg uns angenehmer gewesen wäre.

Dieser Austausch erlaubte mir, als sie mich später unterwegs aufholte, ohne viel schlechtes Gewissen dieses Mal (endlich!), sagen zu können, dass ich an dem Tag beim Laufen nicht reden und für mich sein wollte. Sie zeigte vollstes Verständnis; wir wünschten uns gegenseitig einen „Buen Camino“ und liefen getrennt weiter.

Es regnete viel an dem Tag. So viel, dass Wege sich in Bächer verwandelt hatten und meine Hose so nass wurde, dass sie unter meinen Gamaschen Wasser in meine Schuhe leitete. Es war etwas schwierig, die Beine meiner Zip-off-Trekkinghose im strömenden Regen im Stehen mit Rucksack abzutrennen, dafür für vorbeilaufende Wander*innen wohl sehr unterhaltsam, nachdem sie sich erkundigt hatten, ob alles in Ordnung bei mir wäre. Also auch ich war sehr amüsiert.

Es wurde sogar so stürmisch, dass ich beinahe gegen einen Radpilger lief, der mir entgegenkam und sein Rad bergauf schob, da ich die Kaputze meines Regenponchos tief ins Gesicht gezogen hatte und so nur meine eigenen Füße sehen konnte. Auch das war lustig.
Auch etwas spannend: es lag ein Baum quer im Weg. Der Sturm hatte ihn wohl umgehauen. Ich war erstaunlich wenig besorgt, trotzdem durchzukommen. Es ging eben. Als ich die Stelle fast außer Sicht hinter mich gelassen hatte, schaute ich jedoch zurück, denn die Person kam mir nicht unbedingt agil vor, die ich zuletzt überholt hatte. Vielleicht würde sie da Hilfe brauchen bzw. wollen. Ich wartete also einen Moment noch und beobachtete sie, als sie zur Stelle kam. Sie schaffte es auch, sich durchzumogeln. Ich war erleichtert, stolz auf sie und freute mich einfach über dieses Miniabenteuer.

Ich wusste außerdem, dass ich meine Wanderschuhe zum letzten Mal auf diesem Weg tragen musste und so kümmerte es mich nicht, dass sie sich voller Wasser gesaugt hatten und ich sie danach für eine Weile nicht mehr tragen sollte.

Im Übrigen würden sie ganze zehn Tage mit mehrmals täglichem Verstopfen mit Zeitungspapier brauchen, um zu trocknen!

Bis zur Ankunft schüttete es wie aus Eimern und ich war nicht so begeistert, mich am Endziel Muxía zu verlaufen und ewig die Touristeninformation zu suchen, wovon ich mir Auskunft und Ratschläge über Unterkünfte erhofft hatte. Endlich fand ich sie und war unwahrscheinlich dankbar, endlich im Trockenen stehen zu können und mir demnächst die nassen Klamotten vom Leib entfernen zu können, sobald ich irgendwo eingecheckt hätte.

Da kam er zu mir wieder. Mein „stetsaufmichwartender Mitpilger“ !!! Ich fand es zu 30% gruselig und 70% schön, dass er schon wieder da war, als ich ankam, obwohl wir uns schon verabschiedet hatten. Er empfohl mir die Pilgerherberge, in der er die Nacht übernachtet hatte, und nachdem ich meinen vorgemerkten Favoriten ausgecheckt hatte, wollte ich diese weitere Herberge doch noch anschauen. Sie wirkte freundlicher, war etwas günstiger als die andere und so blieb ich dort. Ich wollte mir für meine zwei letzten Nächte dieser großen Reise (ingesamt 4 Wochen) ein Einzelzimmer mit eigenem Bad gönnen. Sie hatten noch eins.

Es war plötzlich Luxus pur: großes Doppelbett, große begehbare Dusche, Fernseher… und BLICK AUF DAS MEER. Ich würde sehr viele Stunden auf der Bettkante sitzen und aus dem Fenster auf die Atlantik schauen.

Mein Mitpilger würde am frühen Nachmittag abreisen. Wir gingen unser letztes gemeinsames Pilgermenü in der Nähe von der Bushaltestelle essen. Seit unserem Abschied in Lires hatte ich die schönen Worte, die er in mein Pilgertagebuch geschrieben hatte und ich nicht in seiner Anwesenheit lesen durfte, nun gelesen und ihm meine Überraschung über seine triftigen Beobachtungen über mich mitgeteilt: die ganze Zeit hatte er mir nicht das Gefühl gegeben, dass er mir viel zugehört hatte. Ihm war das peinlich, dass es so herüberkam, und wir konnten beim Essen darüber reden.

Endlich fragte er mich aus. Er kriegte innerhalb einer Stunde eine schwere Ladung Information über meine Herkunft und meine Gegenwart geliefert. Es fühlte sich gut an, endlich dazu eingeladen zu werden, etwas konkretes über mich zu erzählen. Er war ersichtlich beschämt und gleichzeitig baff über das, was ich erzählte. Ich denke, es leuchtete ihm auf einmal ein, wie ich so drauf war, nachdem er mehr über mich in Erfahrung gebracht hatte.

Es wäre aus meiner Sicht so einfach gewesen, mich zu fragen.

Ich fand sehr interessant zu hören, wie er begründetete, kaum eine Frage gestellt zu haben. Er hätte mir nicht zu nahe treten wollen und erwartete einfach, dass ich irgendwann etwas über mich erzählte, als er von sich erzählte. Meinetwegen. Jedenfalls war das ein sehr lustiges und wohltuendes Abschiedsessen.

Er musste dann zum Bus. Wir waren weder mit dem Essen noch mit der Weinflasche fertig, die zu unseren zwei Pilgermenüs dazu gestellt wurde. Ich aß nach seinem Abgang gemütlich weiter und war sehr glücklich über diesen Tag soweit. Ich winkte ihm zu, als der Bus vorbeifuhr. Und sah, dass der Amerikaner, der hinter mir alleine gegessen hatte, noch da war. Ich drehte mich dann zu ihm und bot ihm an, mir zu „helfen“ , den Wein auszutrinken. Alleine würde ich es definitiv nicht schaffen.

So kamen wir ins Gespräch und in dem Restaurant fing eine weitere völlig unerwartete Freundschaft an.

Aber für heute sollte es reichen. Über den Rest dieses Tages und dieser Reise erzähle hier weiter.

Camino 2, Tag 5

„Auf Immerwiedersehen!“

Ich hatte mich mit meinem „stetsaufmichwartenden“ Mitpilger zum Frühstück beim Sonnenaufgang verabredet. Nicht, dass ich sehr lustig drauf war, mit ihm noch weiterzulaufen, aber diese Begleitung streng ablehnen wollte ich auch nicht. Er sollte von Fisterra direkt nach Muxía weiterlaufen; ich wollte dazwischen für die Nacht noch einmal anhalten. So dachte ich, ich hätte spätestens nach der Mittagspause Zeit für mich.

Erwartungskonform hatte er jedoch zu Mittag keine Lust, mich hinter sich zu lassen, und ließ das „Schicksal“ entscheiden, ob er nach dem Mittagessen tatsächlich weiterziehen würde oder wie ich auch in Lires übernachten würde. Mehr dazu aber später.

Ich wurde recht früh wach, munter und bereit und verließ die Pilgerherberge früher als nötig. Ich entschied mich, bereits zu frühstücken, denn es regnete etwas und es war mir nicht danach, im Regen zu warten. Ich setzte mich in ein Café mit Blick auf die Bushaltestelle, wovon Busse von und nach Muxía abfuhren. So sah ich wieder viele der Menschen, die ich auf dem Weg zwischen Santiago de Compostela und dem Kap Finisterre ein- oder mehrmals getroffen hatte. Sie verabschiedeten sich voneinander; die mehr oder weniger kleinen Pilgergruppen gingen auseinander. Manche würden nach Muxía weiter-, manche zurück nach Hause über Santiago fahren. Ich war gerührt. Und froh, noch weiterlaufen zu können.

Kurz vor dem Sonnenaufgang verließ ich das Café und bummelte noch ein bisschen um meinen Treffpunkt mit meinem Wanderkollegen herum. Irgendwann schaute ich auf den Hafen herüber und erkannte eine Silhouette: mein Mitpilger war wohl auch früher startklar gewesen und bummelte ebenfalls herum.

Auch er erkannte mich und wir gingen ins nächste Café: er hatte noch nicht gefrühstückt. Und mal wieder trafen wir auf seine Camino Francés-Bekanntschaft, die schon da saß und Postkarten schrieb. Wir plauderten kurz aber ich wollte sie beim Schreiben nicht stören und sorgte dafür, dass wir uns an einen anderen Tisch hinsetzten. Wir verabschiedeten uns also nochmal von ihr. Nachdem wir es am Tag zuvor bereits getan hatten. Das sollte auch nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir uns verabschiedeten, denn wir trafen sie noch einmal, bevor wir den Ort verließen. Ein ewiges „Auf Wiedersehen!“ war das.

Als wir aufbrechen wollten, war die Poststelle offen und ich wollte noch schnell sicherstellen, dass meine letzte Postkarte ausreichend frankiert war. Ich ging also kurz hinein. Die Person am Empfang war äußerst freundlich, verstand aber keine der Sprachen, die ich im Angebot hatte. Also zuckte sie ihr Smartphone heraus und probierte es mit einer dolmetschenden App, um mit mir zu kommunizieren. Das klappte weniger gut als mit Händen und Füßen. Jedenfalls verstand ich, dass meine Postkarte so abgeschickt werden konnte. Hurra! Ich habe mich über diesen Mikro-Erfolg am Morgen sehr gefreut. Als ich aus der Poststelle rauskam, kam mir bzw. uns der Mitpilger von Hospital de Logoso entgegen. So konnten wir uns ordentlich auch von ihm verabschieden. Er würde den Bus weiter nach Muxía nehmen und dann gleich weiterziehen.
Kurz darauf kamen uns zwei Bekannte vom Vorabend auch noch entgegen: eine Mutter und ihr Sohn. Der Sohn rannte zu mir, als er mich sah. Ich breitete die Armen aus; er sprang auf mich auf. Ohne ein Wort gaben wir uns das „geheime Handzeichen“, das er mir beigebracht hatte. Ohne Worte also, dafür mit allseits breitem Lächeln zogen wir dann aneinander vorbei.

Was für einen Morgen!

Freundschaft auf den ersten Blick

Nach diesem bewegenden Start nahm ich meinen Mitpilger auf eine Alternativroute mit, die sich direkt entlang der Küste erstreckte. Es wurden schöne, praktisch menschenleere Wanderstunden mit tollen Waldpisten, steilen Hügeln und atemberaubenden Aussichten auf einsame Strände.

Es regnete hin und wieder und ich dachte, ich wäre schlau und würde den „Plastiktütentrick“ einer Bekannten ausprobieren, um trockene Füße trotz feuchter Schuhe zu behalten: ich zoge Plastiktüten über meine Socken vor den Schuhen an.

Nach wenigen 100 Metern hatte ich solch verschwitzte Füße, dass sie bereits nass waren, bevor es richtig angefangen hatte zu regnen.

Lektion des Tages: der Platiktüte-im-Schuh-Trick war bei mir gegenproduktiv.
Leider waren meine Socken vom Vortag noch nicht wieder ganz trocken, allerdings trockener als diejenigen, die ich gerade anhatte. Ich wechselte also noch die Socken, bevor es noch unangenehmer würde. Zweite Lektion: ich brauchte insgesamt drei statt nur zwei Paar Wandersocken, wenn ich so durch regnerische Gegenden lief, damit ich immer Trockene anziehen könnte.

Kurz vor der Ankunft an meinem Tagesziel und unserem gemeinsamen Pausenort Lires wurden wir von tausenden Möwen, die sich in der Bucht aufhielten, begrüßt. Manche schwebten auf dem Wasser, manche flogen in riesigen eleganten Schwärmen über dem niedrigen Wasser, manche surften lustig, wo Wasser aus einer Fabrik herausströmte. Das war ein verblüffender und verzaubernder Anblick.

Tausende Vögel

Zu Mittag fanden wir ein sehr (!) hübsches Bar-Laden-Restaurant, das in einer Art Feriendorf lag. Nachdem wir unser Pilgermenü bestellt hatten, ging ich – alleine – einchecken. Mein Mitpilger war sich noch sehr unschlüssig, ob er wie geplant weiterlaufen sollte oder noch mit mir am Standort bleiben würde. Mir war es unangenehm, dass er so an mir hing und nicht merkte, dass ich ihm nicht mehr zuhören konnte und meine Ruhe brauchte. Ich wurde sehr vage in der Beschreibung meiner ausgesuchten Unterkunft und erzählte, dass es dort etwas teurer wäre, um ihn zu entmutigen zu bleiben. Was auch stimmte. Er ließ aber eine Münze entscheiden.
Er warf sie und… er sollte weiterlaufen, nicht hier bleiben. Uff.

Der Abschied sollte etwas merkwürdig ausfallen, denn ggf. würden wir uns auf diesem Camino nicht mehr sehen und wir waren uns die letzten Tage gegenseitig ans Herz gewachsen. Ich hatte etwas Bammel, dass von seiner Seite sogar ein Annäherungsversuch in der letzten Minute noch kommen sollte und entschied mich, ihn direkt vor der Gastätte fortzuschicken. Ich wollte nicht, dass er mich zu meiner Unterkunft begleitete. Er war ersichtlich verunsichert, aber so konnten wir uns auf eine Art verabschieden, die mir passte.

Ich würde ihn aber doch nicht zum letzten Mal auf diesem Camino treffen. Dazu mehr hier.

Camino 2, Tag 4, Teil 2

Es war nicht abzuschätzen, dass wir an dem Tag den Sonnenuntergang am Kap Finisterre erleben würden, wie man sich das so vorstellen konnte: Der Himmel sollte am späten Nachmittag wieder zuziehen und es sollte regnen.

Mein Mitpilger der letzten Tage und ich gingen also voller Elan und jedoch schon etwas erschöpft gleich zum Kap. Einige kamen uns entgegen, die zurück zur Ortschaft Fisterra liefen. Alle waren verstrahlt. Selbst die Sonne lachte.
Wir mühten uns auf den Berg hoch ab und konnten es kaum erwarten, die „Null“-Marke dieses Wegs zu sehen. Als wir das Ende in Sicht hatten, musste er kurz innehalten. „This is amazing!“ Er war völlig überwältigt.

Das „Ende der Welt“ in Spanien. Und für einige Pilger*innen.

Die Aussicht war umwerfend, das Wetter traumhaft, die Stimmung unbeschreiblich. Wir trafen auch viele Pilgerbekannschaften genau da wieder. Es war erstaunlich und fühlte sich jedoch „normal“ an.

Ich hatte keine Lust, den Ort zu verlassen. Nach den obligatorischen Bildern vom Kap und diversen Gruppenfotos, entschied ich mich, in der Café-Bar vor Ort zu verweilen. Ich würde dort mein Tagebuch führen und auf den Sonnenuntergang warten, nachdem mein Mitpilger und seiner Bekanntschaft vom Camino Francés zurück nach Fisterra gegangen waren. Im Café spielte schöne moderne galizische Musik. Allmählich sank die Sonne gen Horizont. Und der Himmel blieb wolkenlos.

Ich ging dann raus, um den Sonnenuntergang in vollen Zügen geniessen zu können. Was für ein unglaubliches Glück, dass wir das doch noch erleben durften!

Schwarze Brühe? Rotwein.

Es tauchten bekannte Gesichter wieder auf. Zum Beispiel eine Mitpilgerin, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte und für endgültig verloren hielt, sowie derjenige, mit dem ich an dem Tag so munter gestartet hatte. Ein paar Wander*innen hatten Rotwein und Becher sowie Oliven zum Snacken mitgebracht. Wir schenkten uns so in der kalten rötlichen Abendsonne gegenseitig ein. Es war wundervoll.

Eine Tradition dieses Wegs bestand darin, etwas von der Pilgerausrüstung am Kap noch zu verbrennen. Manche verbrannten Schuhe, andere ein T-Shirt, eine Socke… alles aber sehr umweltschädlich. Ich hatte ursprünglich vor, einen Notizzettel zu verbrennen. Andere hatten sich auch für diese niederschwelligere Variante entschieden. In der Bar hatte ich aber Holzbesteck gefunden und schrieb meine zu verbrennende Botschaft auf ein Holzmesser.
Wir zündeten nacheinander unsere Botschaften an der nächsten Feuerstelle an, nachdem die Sonne in die Atlantik verschwunden war. Wir gingen danach im Dunklen die 3,5 km zurück in das Städtchen.

Katharsis

Ich ging noch mit einigen der Anwesenden essen. Es waren lauter Fremde, die ich zuvor nie gesehen hatte und ich dachte, dass ich sie danach nie wieder sehen würde. Mit dem kleinen Jungen, der mir am Tisch gegenüber saß, hatte ich sofort sympathisiert und wir freuten uns offensichtlich beide sehr, uns am nächsten Morgen auf der Straße zu begegnen.

Davon erzähle ich auch hier.

Camino 2, Tag 4, Teil 1

Am nächsten Morgen wartete mein Mitpilger wieder auf mich. Die zwei anderen hatten den Schlafsaal bereits verlassen, als wir uns auf den Weg zur Gaststätte in Hospital de Logoso für das Frühstück machten. Besagte zwei weiteren Mitpilger*innen waren schon vor Ort. Es sollte das letzte Café für die kommenden 15 km auf dem Camino a Fisterra sein, und bevor wir uns in die Natur für ein paar Stunden begaben, stärkten wir uns mit Warmgetränken und Tostadas.

Es regnete richtig und die Sonne würde erst in einer knappen Stunde aufgehen. Es schien nicht sinnvoll, jetzt gleich loszumachen. Wir drei vom Vorabend warteten also noch auf den Sonnenaufgang und brachen dann zusammen auf.

Platsch Platsch!

Das Wetter wurde sehr wechselhaft. Mal Regen, mal Sonne. Für mich war das sehr angenehm; meine Laufkumpane waren auch bester Laune. Wir freuten uns wohl alle über die schöne Natur und die sympathische Gesellschaft, sowie auf unser Tagesziel: das „Ende der Welt“. Das Kap Finisterre. Die Atlantik. Bald würden wir „ankommen“ !

Mein Mitpilger der letzten Tage hatte plötzlich das Bedürfnis, alleine weiterzulaufen. Sein Glück, diesen für ihn insgesamt ca. 900 km langen Weg demnächst zu beenden und somit sein neues Abenteuer im Leben „offiziell“ zu starten, war nicht zu übersehen. Er war vollkommen verstrahlt. Ich wusste, worum es ihm ging, und so fand ich das sehr rührend und war sehr glücklich für ihn. Auch für mich. Und für alle, die den Weg geschafft hatten und noch schaffen würden.

Ich lief dann eine Weile mit unserer neuen Bekanntschaft. Sehr lustige und interessante Gespräche kamen zustande. Und immer wieder schwiegen wir zusammen. Herrlich.

Ich war nach wie vor eher flott unterwegs und lief hin und wieder vorweg. Ich hielt an, um zwei Holzvollernter bei der Arbeit zu beobachten. Der andere Wanderer kam bald dazu und wir schauten einen Moment begeistert zu, wie die Bagger ganze Baumstämme wie Streichhölzer „pflückten“.

Danach ging es hauptsächlich weiter durch wunderschöne einsame, vernebelte, nasse Wege. Mal schien eben auch die Sonne. Als ich eine „Boxenpause“ einlegte, ging der Kollege weiter. Ich sah ihn dann nicht mehr wieder. Also nicht während der Wanderung.
Den durfte ich mir später herbeiwünschen.

Auf dem Weg hatte ich hauptsächlich tote, zerdrückte (zertretene??) Salamander gesehen. Einen konnte ich lebendig gesehen. Meine erste Begegnung mit einem Salamander.

Salamander, wie er vor sich hin schlendert.

Dazwischen konnten wir auch die Atlantik wieder sehen. Was für einen aufregenden Moment, wieder vor dem prächtigen Ozean zu stehen!

Als ich durch Cée lief, schoss mein „stetsaufmichwartender Mitpilger“ aus einem Café heraus, als ich vorbeilief. Ich wollte aber noch nicht anhalten, also noch keine Pause machen und ich wollte auch unbegleitet den Rest dieses Wegs machen. Wir plauderten nur kurz und ich zog weiter.

Ihn traf ich in Fisterra nach dem Einchecken in meiner Unterkunft vor der Touristeninformation, als ich zum Kap Finisterre weiterlaufen wollte: Die Sonne schien gerade und angeblich sollte es nicht anhalten, ich müsste mich also lieber etwas beeilen, um zum „Ende der Welt“ zu kommen, ohne klitschnass zu werden. Es waren nämlich noch 3,5 km zum Kap. Also 7 km hin- und zurück. Die Touristeninfo machte jedoch gerade auf und die Pilger*innenschlange für das Holen vom Wegabschlusszertifikat, der „Fisterrana“ , war nicht lang. Also holte ich doch meine „Compostela“ , brachte sie in Sicherheit (also ins Trockene) zurück in die Unterkunft und lief nochmal an der Touristeninfo vorbei, wo ich mein verstrahlter Kumpel aufgabelte. Er war noch in voller Montur unterwegs, denn er hatte noch nirgends eingecheckt und wollte einfach direkt zum Kap.

Wohl nicht allein. Bzw. wollte er offensichtlich zusammen mit mir zum Kap aufsteigen.

Ab diesem Zeitpunkt passierte noch so viel an dem Tag, dass ich es lieber in einem neuen Eintrag erzählt habe.

Camino 2, Tag 3

Camino, give me pizza!

Mein Mitpilger

An dem Tag war ich wieder die Letzte auf den Beinen in der Pilgerherberge. Anscheinend lohnte es sich für mich, so früh (gegen 20:30) ins Bett zu gehen, denn offensichtlich brauchte ich viel Zeit, um auf mein Schlafpensum zu kommen. Nicht nur hatte ich abends Schwierigkeiten, einzuschlafen (vor allem dann, wenn die Anderen es anders meinten und wenig Rücksicht nahmen), sondern ich hatte vermutlich auch einfach einen großen Bedarf bei der Anstrengung.

Jedenfalls hatte mein Mitpilger vom Vortag wieder auf mich gewartet. Zum Glück war in der Herberge noch eine Bekannte von ihm untergebracht, die er auf dem von ihnen direkt davor beendeten Camino Francés kennengelernt hatte. So hatte ich mehr Gelegenheiten, ihm beim Erzählen unterwegs nicht zuzuhören. Ich konnte seinen Redefluss nicht mehr über mich ergehen lassen. Ich hoffte, dass die beiden verstanden, dass ich auch mal in Ruhe alleine laufen wollte.

Trübe Stimmung

Der Tag fing trocken an, es gab aber immer wieder und immer mehr Regenepisoden. Ich war an dem Tag von meinem Regenponcho begeistert. Das Wetter war kühl und somit schwitzte ich mich nicht zu Tode darunter. Für einen solchen Tag war das Teil perfekt.

Obwohl unsere Tagesetappe nicht besonders lang wurde (19 km), fand ich den Weg anstrengend. Vermutlich aufgrund von meiner gereizten Laune, dem trüben Wetter und den steilen Abschnitten. Möglicherweise auch, weil wir bald ans „Ziel“, Fisterra, kommen würden und ich nicht ankommen wollte. Mal wieder.

Die Bekannte von meinem Mitpilger wollte an dem Tag noch viel weiter kommen, um mit einer kürzeren letzten Etappe zum Kap Finisterre diesen Weg zu beenden. Ich hatte aber die Schnauze schon lange voll und sagte an, dass ich auf keinen Fall in Cée, sondern gleich in Hospital de Logoso mein Glück auf ein Bett probieren würde. Mein Mitpilger entschied sich für meine anvisierte Unterkunft, bzw. wieder dafür, bei mir zu bleiben. Ich hatte keine Lust mehr, mit ihm zu laufen. Ich kannte gefühlt schon seine ganze innere Welt und seine Ideen darüber, was er nach dem Jakobsweg noch machen wollen würde. Und ich fühlte mich so, als ob er sich nur für meine Aufnahmefähigkeit interessierte, jedoch wenig dafür, wer ist war. Er stellte mir nämlich so gut wie keine Fragen.

Im letzten Augenblick dieses Wegs konnten wird darüber sprechen und es klärte sich einiges. An dem Tag wünschte ich mir aber noch, dass ich ihn bald links liegen lassen könnte.

Die Herbergsleute waren sehr nett, bzw. die Frau war extrem nett. Ihr Mann wirkte äußerst zurückhaltend und ihre Tochter unbegeistert, für die beiden dolmetschen zu sollen, während sie für ihre Ausbildung lernte. Die ältere Dame war um uns jedoch wirklich bemüht und insistierte, uns zwischen der kleinen Gaststätte und der Unterkunft, die sie betrieben, mit dem Auto zu chauffieren. Es war seltsam, plötzlich wieder in ein Auto zu steigen.

Abends kamen zwei weitere Pilger*innen dazu. Die eine kam relativ spät abends an. Zum Anderen: Als ich aus der Dusche kam, kam er mir entgegen. Halbnackt und lächelnd. Er hatte gewartet, dass ich das Bad frei machte. Diese Begegnung verwirrte mich etwas, wie man sich das sicherlich gut vorstellen könnte. Später gingen wir drei – dieses Mal zu Fuss – zusammen in die Gaststätte zurück, um uns die Langeweile bei mehr oder weniger warmen Getränken und Snacks bis zum Abendessen zu vertreiben. Es regnetete immer noch.

Der Nachmittag war nett, der Abend war noch schöner.

Wir drei würden für das letzte Stück des Caminos a Fisterra gemeinsam starten, jedoch jeweils alleine ankommen.

Mehr dazu hier.

Camino 2, Tag 2

En bisschen Grusel am Morgen.

Als ich am nächsten Morgen aufstand, war meine neue Bekannschaft vom Vorabend in der Pilgerherberge von Negreira schon startklar. Er schien auf etwas zu warten. Ich hatte zunächst keine große Lust, gleich mit ihm weiterzuziehen, denn ich wollte bei ihm keine Hoffnung auf ein romantisch motiviertes näheres Kennenlernen wecken. Also trödelte ich beim Packen und beim Frühstück. Irgendwann war ihm klar, dass ich nicht unbedingt mit ihm zusammen starten wollte, bzw. er hatte keine Lust mehr zu warten und brach auf.
Ich war etwas erleichtert.

Es war noch eine Stunde vor dem Sonnenaufgang, es waren aber schon einige vor mir gestartet und so dachte ich, dass es für mich in Ordnung wäre, mich ohne Licht auf den Weg zu machen. Hatte nämlich nichts dabei. Es war leider nicht ganz so einfach.
Der Weg ging gleich in den Wald auf Schuttpisten herein und es war zappenduster. Vor mir waren ein paar Pilger*innen mit Stirnlampe, die grob die Richtung zeigten. Wenn ich nicht gleich die Möglichkeit gehabt hätte, direkt hinter jemanden mit Licht zu laufen, hätte ich zurückkehren müssen. Denn selbst so war es sehr schwer, nicht zu stolpern. Der Weg war nicht besonders fest und Stirnlampenlicht auch keine Straßenbeleuchtung.
Ich machte mir noch ein bisschen mehr Sorgen, als mein „Leuchtturm“ kundgab, dass der Stirnlampenakku vermutlich bald den Geist aufgeben würde. Besagte Person schien dabei unbekümmert. Sie war es gewohnt, so früh loszulaufen. Und bislang schien es für sie immer gut gegangen zu sein. Sie sagte, dass sie den Moment immer besonders genoss, in dem die Sonne aufging.

Tatsächlich schafften wir es, über das Geröll im Dunklen zu tapsen, ohne auf die Nase zu fallen. Ich war mal wieder hocherfreut darüber, Wanderstöcke dabei zu haben.

Nach dem Sonnenaufgang und ein paar Stunden auf dem teils steilen und steinigen Waldweg hatten wir Bedarf an einer Pause. Zumindest träumte ich von einem Kaffee. Bald zeigte ein Schild, dass es auch demnächst die Möglichkeit geben würde, dafür anzuhalten. Hurra!
Meine Begleitung war ebenfalls angetan und wir stiegen eine steile Treppe abseits vom Weg hoch, am Ende deren ein nettes kleines Café prangte. Da saß auch meine wartende Bekanntschaft schon! Er hatte gerade aufgegeben, sein zweites Frühstück aufzuessen, denn das Stück Kuchen war ihm jetzt einfach zu groß. Er nippte bloss an seinem Heißgetränk.
Wir lernten dort zwei kennen, die gemeinsam die Via de la Plata gelaufen waren und immer noch zusammen unterwegs waren. Boah. Das waren schon ca. 1000 km von Sevilla bis Santiago. Ich war schwer beeindruckt. Aufgrund der hinterlegten Distanz, weil sie im Sommer im heißen Andalusien gestartet waren und weil sie das zu zweit durchgezogen hatten. Wenn eine Beziehung diesen Test bestehen kann, gibt es warscheinlich nichts, was diese zum Wackeln bringen kann.

Nach der kleinen Pause zogen wir zu dritt weiter: mein wartender Bekannter, die Stirnlampenträgerin und ich. Es ergaben sich viele schönen Gespräche unterwegs, wobei mein Bekannter so viel von sich erzählte, dass ich ihm irgendwann kaum noch aufmerksam folgen konnte. Als er mit der anderen Wanderin etwas mehr im Austausch war, nutze ich die Gelegenheit, um etwas flotter vorweg zu laufen. Und meine Ruhe zu haben.

Besagte Mitpilgerin bog irgendwann ab, um sich anderen Bekannten in einem weiteren Café am Wegrand zu gesellen. Wer weiß? Vielleicht wurde auch ihr das Gespräch mit dem redseligen Kollegen zu viel und so hatte sie eine Ausweichmöglichkeit gefunden.

Interessanterweise hatte sie ursprünglich einen schlechten ersten Eindruck bei mir gemacht: Als ich sie zum ersten Mal sah, war es kurz nach einem Etappenstart und sie telefonierte beim Laufen. Was sollte das? Auf dem Jakobsweg zu telefonieren, fand ich an sich schon absurd, aber solche Rücksichtslosigkeit auch noch zu zeigen, alle anderen damit zu beschallen, fand ich echt ätzend.
Und doch war ich sehr dankbar dafür, sie später näher kennenlernen zu können.

Der Weg ging irgendwann raus aus dem Wald, durch kleine Dörfer und viel Ackerland. Mittlerweile hatten wir die 400 Höhenmetermarke erreicht.

Zu Mittag hielten wie in der privaten Pilgerherberge an, die ich ins Auge gefasst hatte, weil sie ein Restaurant hatte. Wir checkten ein und machten es uns im 6-Betten-Schlafsaal „bequem“. Es gab bereits einen Wanderer vor Ort, der draußen auf der Terrasse direkt neben der Wäscheleine rauchte. Was soll ich sagen? Ich war von seinem Verhalten auch gleich genervt. Rauchen stank halt; und neben frisch gewaschenem Zeug zu rauchen, war Kacke. Ich war auch deswegen gereizt, weil er nicht zurückgegrüßt hatte. „Asozial“, dachte ich mir.

Am Nachmittag wurde die Bude noch voll und wir aßen abends alle zusammen. Auch mit dem nichtgrüßenden rauchenden Pilger. Was soll ich nun sagen? Es war ein sehr lustiger Abend.

Zusammen ist man weniger asozial. Oder nicht?

So lustig, dass ein paar Mitpilger*innen etwas zu viele Biere tranken und ich sie in der Nacht um Ruhe bitten musste. Sie flogen nämlich irgendwann aus der Restaurant-Bar raus und grölten mit Wegebieren im kleinen Gemeinschaftsraum unterm Schlafsaal weiter. Beim Treppenabsteigen zu ihnen konnte ich ihre Bierfahne riechen, bevor ich sie zu sehen bekam.
Irgendwie war das doch lustig. Also richtig böse wurde ich nicht. Was mich überraschte.

Mein stetsaufmichwartender Mitpilger und ich würden noch zweimal vor Fisterra und dem Kap Finisterre anhalten.

Dazu mehr hier.

Camino 2, Tag 1

Nach zwei Nächten in Santiago de Compostela hatte ich Abschied von meinem ersten Jakobsweg und meinen Wegbegleiter*innen genommen. Nach einer (wegen Straßen- bzw. Konzertlärm) etwas unruhigen Nacht im Hotel machte ich mich wieder auf den Weg. Ich würde nun zurück zur Atlantik bis zum Kap Finisterre laufen. Vermutlich würde ich diesen Camino a Fisterra mit einer anschließenden Wanderung nach Muxía verlängern. Es sollten 90 km zum Kap und weitere 30 km von dort aus nach Muxía werden.

Am ersten Tag dieses zweiten Wegs war sehr viel los beim Start. Ich überholte einige Mitpilger*innen, es blieb aber weiterhin ziemlich belebt. Auch Gegenverkehr gab es: Es war eine beliebte Wanderungsvariante, zunächst nach Muxía und über das Kap Finisterre zurück nach Santiago zu laufen. Ich stellte mir vor, was für Eindrücke diese Menschen insgesamt gesammelt und welche Geschichten sie zu erzählen hatten, die uns unterwegs entgegenkamen.

Viel Wald unterwegs.

An dem Tag ging es häufig durch den Wald. Wer mich bereits gelesen hat, weiß, dass das mir sehr recht war. Ein flotter Mitpilger sprach mich sehr enthusiastisch an, als er mich aufholte. Er hätte was vom Boden aufgehoben, was ein Geschenk an Pilger*innen aus einem ganz besonderen Ort wäre. Der*die Besitzer*in müsste es vermissen. Ich hatte etwas Sorge, dass das ein Flirtversuch war, weil es sich so angefühlt hatte und es hätte eine Masche sein können, aber zum Glück ging er bald wieder, ohne irgendwelche Hintergedanken aufzuweisen.

Meins war das nicht.

Viele Gaststätten sollte es unterwegs nicht geben und ich gönnte mir „sicherheitshalber“ ein deftiges Tortilla-Frühstück. Es kam der schnelle Wanderer bald auch herein. Ich freute mich nur halb, dann aber ganz darüber. Ich bot ihm sogar an, sich zu mir zu setzen, damit wir unser zweites Frühstück gemeinsam nahmen. Es war ein sehr nettes Gespräch. So nett, dass wir die nächsten Stunden zusammenliefen.

Wir hielten zum Mittag auch zusammen in einem Restaurant an, das Veganes im Tagesmenü hatte. Ich hatte gehofft, dass ich endlich mal keine Tierprodukte zu Mittag zu mir nehmen würde. Die Vorsuppe war aber doch nicht vegetarisch. Dafür war das gegrillte Gemüse als Haupspeise der Hammer. Ich meinte zur Wirtin, es wäre das tollste Mittagessen, das ich bislang auf dem Weg hatte. Es stimmte auch.

Überraschungsauto

Nach der Mittagspause ging es für mich zur nächsten Pilgerherberge in Negreira. Mein Mitpilger des Tages würde noch 7 km weiter nach Piaxe (A Pena) laufen. Er ging vor dem Abschied noch einkaufen; ich wartete draußen. Er kaufte zwei Überraschungseier und schenkte mir eins. Ich sollte ihm nach diesem Camino sagen, was drin steckte. Das machte ich dann tatsächlich nach meiner Rückkehr. Ich würde ihm ein Bild davon schicken. Er würde das Gleiche tun. Es war sehr lustig.

Als ich in der Pilgerherberge ankam, war der Empfang zwar nicht besetzt, trotzdem sah es nicht danach aus, als ob es noch freie Betten gäbe. Alles war belegt und es wimmelte von Pilger*innen. Ich wurde zum Schlafsaal ins Obergeschoss verwiesen. „Vielleicht gibt es da noch was frei.“ Ein Bett schien noch unbelegt. Ich fragte den Wanderer, der sich gerade am Nachbarbett einrichtete, ob er wüsste, ob jemand das unbelegte Bett schon in Anspruch genommen hätte. Er war sich unsicher. Er meinte, er wüsste nicht, ob das Bett reserviert wäre. Ich wusste es aber: in öffentlichen Pilgerherbergen kann man kein Bett reservieren, somit war das eben MEINS. Ich schmiss mich vor Freude auf das Bett. „Meins!“ Glück gehabt.

Derjenige, der direkt nach mir hereinkam, hatte also weniger Glück. Er würde weiter- bzw. zurücklaufen sollen: den letzten Schlafplatz hatte ich gerade ergattert.

Täglich wäscht das Pilgertier.

Nach der Dusche, der Tageswäsche, dem Dehnen und dem Tagebuchführen draußen in der Sonne sprach ich den vorsichtigen Mitpilger vom Schlafsaal an. Er wirkte so, als ob er Gesellschaft bräuchte und ich war auch nicht abgeneigt. Wir gingen dann gemeinsam einkaufen, aßen zusammen und er lud mich auf zu viele Biere ein. Abends ging er noch zu einem Konzert in die Dorfskirche. Ich ging wie immer am frühen Abend schon schlafen.

Dieser Mensch wurde ein guter Freund. Wir würden fast bis zum Schluss zusammenlaufen, was mir streckenweise zu viel wurde. Aber der Austausch mit ihm war immer lustig und interessant. Von ihm werdet Ihr also in den kommenden Tagen möglicherweise viel hören.

Hier geht es zur nächsten Tagesetappe.

Camino 1, Tag 19

Ich fand die letzten 20 km meiner Wanderung nach Santiago de Compostela recht nervig. Es gab zwar Wegabschnitte durch den Wald, was mir eher gefiel, aber es ging meist durch Dörfer und Ortschaften, die ich eher öde fand. Ich hatte Schwierigkeiten an dem Tag, negative Gedanken zu vertreiben. Vielleicht deswegen fand ich diese Etappe hauptsächlich nervenaufreibend. Hauptsächlich. Denn ab dem Moment, wo die berühmte Kathedrale von Santiago in Sicht war, änderte sich meine Laune schlagartig. Und es passierten „Wunder“.

Ich war auf nichts besonders schönes gefasst, denn ich bin nicht aus religiösen Gründen unterwegs gewesen; die Kathedrale an sich bedeutete mir nichts; und ich wäre außerdem sowieso noch nicht am Ziel meines Caminos gewesen, denn ich wollte noch weiterlaufen. Aber ich merkte, dass sich plötzlich etwas in mir regte, als ich auf die Stadt zuging und meinte, die Kathedrale in der Ferne zu erkennen.

Und es passierten zwei Sachen, die mir zu bester Laune verholfen:

Zum einen traf ich kurz vor Santiago auf den Bulgaren wieder, der bei unserem Kennenlerngespräch noch nicht wusste, ob er nicht abbrechen müsste, denn ihm ging es nicht gut. Offensichtlich hatte er sich erholt und war nun bald am Ziel! Das freute mich sehr. Wir liefen dann mit etwas Abstand zueinander in Richtung Stadt und ich sah ihn und seine Wegbegleitung der Stunde auf dem Weg zur Kathedrale immer wieder.

Zum anderen passierte etwas für mich sagenhaftes. Etwas, wovon Jakobswegberichte erzählen und die für mich eher als unwahrscheinlich erschienen:
Wenige hundert Meter vor meiner Ankunft an der Kathedrale nahm ich eine von mir mittlerweile sehr bekannte Silhouette von hinten wahr: „mein deutscher Mitpilger“ lief gerade auch rein! Es war für ihn auch unglaublich, mich nach Tagen plötzlich dort wiederzusehen. Direkt vor dem rührenden Moment, wo die Wege von so vielen Menschen auf einmal zusammengeführt werden und in den Vorplatz von der Kathedrale von Santiago de Compostela münden. Die Stimmung unter uns war großartig.

Zum Vorplatz der Kathedrale von Santiago de Compostela

Und es ging weiter, denn auf besagtem Vorplatz erwarteten uns noch weitere bekannten Gesichter. Man kannte es aus Dokumentationen darüber aber es war wirklich etwas besonderes, sich so wiederzusehen und gegenseitig in die Armen fallen lassen zu können.

Unter anderem war „meine deutsche Mitpilgerin“ , also die Wegbegleiterin des „deutschen Mitpilgers“, auch da. Sie hatte sich erholt von der Erkrankung, die sie zum Abbruch geführt hatte. Sie freute sich, dass wir es bis Santiago geschafft hatten und sie so „am Ziel“ wiedersehen konnten. Sie war schon seit drei Tagen vor Ort.
Diejenigen in unserer kleinen Gruppe für den Tag, die es geschafft hatten, den Weg bis zum Schluss zu Fuss zu laufen, gingen zum Pilgerbüro, um sich ihr entsprechendes Zertifikat, die Compostela, zu holen. Also besser gesagt: um sich eine Wartenummer zu ziehen, um eine Compostela irgendwann holen zu können. Mir war die Chose zu merkwürdig und in Santiago war sowieso nicht das Ende meiner Wanderung, darum wollte ich auch nicht auf solches „Zeugnis“ warten. Meine Wartenummer verschenkte ich, so dass jemand anders sich kurz vor Ladenschluss seine Compostela holen konnte. In Kap Finisterre würde ich mir wahrscheinlich so ein Zertifikat holen wollen.

In Santiago blieb ich zwei Nächte. Im Einzelzimmer mit eigenem Bad im Hotel. Yay!

Es tat gut, mal durchzuschnaufen und ein bisschen durch diese nette Stadt zu bummeln. Ich schrieb in den zwei Tagen gefühlt 100 Postkarten. Ich aß eine Jakobsmuschel. Zweimal Paëlla. Churros. Take-Away-Pizza. Ich ging in ein Internet-Café und druckte Wegbeschreibungen für meine anstehenden letzten Etappen zwischen dem Kap Finisterre und Muxía, denn sie standen nicht mehr in meinem Pilgerführer (und ich hatte kein Smartphone dabei). Ich stellte fest, dass ich das Passwort für mein Email-Postfach nicht mehr im Kopf hatte und somit keinen Zugang zu meinen Emails hatte. Abschalten hatte wohl so sehr gut geklappt!

Am übernächsten Tag ging es also für mich weiter bzw. wieder in Richtung Atlantik. Ich war wirklich dankbar dafür, dass ich in der körperlichen Verfassung war und Zeit dafür hatte, noch weiterzulaufen. Es wurde noch wirklich wunderbar.

Hier geht es zum ersten Tag meines Caminos a Fisterra.

Camino 1, Tag 18

Endlich (?) Regen!

Wie gesagt hatte ich in Padrón, alleine im Schlafsaal der Pension, wie ein Baby geschlafen. Lang und tief. Als ich aufwachte, wunderte ich mich über die „vorangeschrittene“ Stunde (8:15). Hatte wohl diesen ausgedehnten ungestörten Schlaf gebraucht! Ich hatte auch keine Eile, schnell in Santiago anzukommen bzw. überhaupt aufzubrechen. Ich wollte eine Zwischenetappe machen. Wo genau wusste ich noch nicht, aber die Ankunft in Santiago de Compostela wollte ich noch etwas verzögern.
Es war mir also recht, dass ich an dem Tag weniger und dementsprechend nicht so lange unterm Regen laufen würde. Wobei ich darauf gespannt war, wie es sich im Regen laufen würde. Einen richtigen Regentag hatte ich auf diesem Weg nämlich noch nicht gehabt!

Nach dem Frühstück auf der (nassen) Terrasse eines Cafés (ich blieb draußen, um wenig Wasser/Schmutz nach innen zu befördern), lief ich an der Jakobuskirche vorbei. Da läge der Pedrón, eine „wichtige“ Sehenswürdigkeit auf dem Jakobsweg. Im Gegensatz zum Vortag hatte die Kirche dann auf, als ich in der Nähe war; ich ging also herein. Ich konnte mir besagten Pedrón anschauen, die Stimmung unter andächtigen Anwesenden aufnehmen und mir vom Pfarrer einen Stempel auf den Pilgerausweis geben lassen.

An diesem Stein soll das Boot festgemacht haben, das den Leichnam des Jakobus über das Meer brachte.

Es folgten frustrierende 15 km Wanderung bis Cruces. Im hochgepriesenen Kloster von Hebrón wollte ich zwar nicht übernachten aber zumindest einen Stempel für meine Credencial holen gehen. Ich wusste, dass ich außerhalb der Öffnungszeiten ankommen würde, dachte aber, einen Stempel würden sie mir sicherlich trotzdem geben können, wenn ich den ca. 3,5 km Umweg dahin machen würde.

Tja. Falsch gedacht. Der Boden war frisch gewischt und ich wurde deswegen halb freundlich halb abweisend stempellos wieder fortgeschickt. Wie schwer wäre es gewesen, mit sauberen Putzschuhen kurz zum Tresen zu gehen, um das Stempelzeug zu holen und meine Mühe etwas zu belohnen? Wohl zu schwer.

Aber gut. Ich hatte ja keinen Anspruch darauf. Sondern eben Pech.

Ich ging also weiter und wurde nässer und nässer. Gegen Mittag hatte ich mehrere Aufenthaltsoptionen. Ich hielt in Cruces an und nahm ein einfaches aber frisches und wohltuendes Pilgermenü zu mir. Ich zögerte lang, ob ich noch weiterlaufen würde oder nicht, entschied mich jedoch, zur nächsten privaten Unterkunft zu laufen und für den Tag Schluss zu machen.

Ich kam dann in eine merkwürdige Anlage. Es sah nach Feriendorf mit großem Café/Restaurant/Treffpunkt aus, war aber fast menschenleer. Der Kontrast zwischen dem recht herbstlichen regnerischen Wetter und dunklen Himmel und dem Außenpool und Bungalows auf dem Gelände war auch fast verstörend.

Ich war dieses Mal die zweite Eingecheckte im Schlaafsaal für Pilger*innen. Ein Mann lungerte in Unterhose auf seinem Bett direkt hinter dem Saaleingang bereits herum. Auch das verstörte mich etwas, wobei meine Sorgen bzw. Vorsicht sich später als unbegründet entpuppten.

Wie jeden Tag ging ich nach dem Check-In duschen, machte meine Tageswäsche, dehnte mich, machte mein Bett fertig und ging mein Tagebuch führen. Ich setzte mich in die „Cafeteria“ hin und bestellte einen Kaffee.

Noch war mehr Personal als Kundschaft da.

Irgendwann tauchte auch der Mann-in-Unterhose (mit Hosen an) auf. Er setzte sich am anderen Ende des großen Raums. Irgendwann fand ich das zu albern, dass wir nicht ins Gespräch kamen, obwohl es auch ihm bestimmt langweilig war. Und bot ihm an, dass wir zu Abend zusammen aßen. Er war ersichtlich erleichtert darüber, dass ich ihn nicht alleine ließ. Es folgte ein sehr interessanter Abend bei Speis und Trank.

Er war ein Hardcore-Wanderer. Er lief 40-45 km am Tag. Verrückt.
Er schwärmte von seiner Ehefrau und erzählte, wie sie sowohl im gemeinsamen Betrieb als auch zu Hause alles schmiss. Ihm war klar, dass ich mit traditionellen Rollenverteilung nichts am Hut hatte und er entschuldigte sich für seine teilweise „chauvinistischen“ Äußerungen in dem Zusammenhang.

Mal wieder wurde bestätigt, dass es sich lohnte, Menschen näher kennenzulernen, auch wenn der allererste Eindruck nicht der Beste war.
Ich sage nicht, dass wir im „echten Leben“ Freunde hätten werden können, aber es wurde aus meiner Sicht ein sehr netter und bereichernder Abend.

Am nächsten Tag war es also so weit. Letzte Tagesetappe bis Santiago de Compostela. Was nicht mein Endziel werden sollte, denn ich würde noch weiter zum Kap Finisterre und dann Muxía weiterlaufen. Jedoch wurde dieser Tag sehr besonders, obwohl ich nicht wirklich damit gerechnet hatte.

Dazu mehr hier.

Camino 1, Tag 17

Wunderbare Atmosphäre im Morgennebel

Zum Frühstück ging ich in das nette Café, wo ich am Vorabend etwas trinken war. Der Wirt war so nett gewesen, er verdiente mehr Kundschaft. Ich bestellte einen Kaffee und eine Süssigkeit. Und bemühte mich, dem Gastgeber zu sagen, dass mir der Ort Caldas de Reis sehr gefallen hatte, und zwar vor allem deswegen, weil die Einheimischen so freundlich zu mir waren. Er freute sich sehr.
Er empfohl mir, bis Padrón zu laufen anstatt schon in Briallos zu übernachten, denn es würde sich lohnen, dort Zeit zu verbringen. Es gäbe viel zu sehen. Ich begab mich mit dieser Idee auf den Weg.

Die anderen Pilger*innen schienen zunehmend in Eile zu sein, in Santiago de Compostela anzukommen. Ich dagegen lief entspannt. Ich hatte noch viel Zeit.

Der Vormittag war durchweg nebelig und die Atmosphäre war dadurch wirklich toll. Ich war völlig verzaubert, als ich feststellte, dass nicht nur die Landschaft sondern auch ich nach einer Weile von Tautropfen bedeckt war.

Morgendusche

An dem Tag lief es sich wieder gut und ich folgte dem Rat vom Wirt aus Caldas de Reis: Ich lief bis Padrón. Ich hatte allerdings so einen Hunger, dass ich gleich vor dem Ortseingang nach einer Gaststätte Ausschau hielt. Ich fand nichts sehr ansprechend, wollte aber nicht länger auf Essen warten. Ich ging in ein Restaurant herein, dessen Besitzer*innen auch eine Pension mit Spezialkonditionen für Pilger*innen hatten. Ich wurde gleich gefragt, ob ich einchecken wollte. Ich verneinte es und sagte, dass ich nur essen wollte.
Das Restaurant war wie gesagt nicht sehr ansprechend. Ich freute mich aber auf eine Spezialität, die ich öfter zu Hause zubereitete: „Pimientos de Padrón“ . Leider fand ich die mir angebotene Speise enttäuschend.

Es schien mir riskant, erst nach dem Essen in die Innenstadt zu gehen. Ich hatte viele Wander*innen vor mir gesehen und wollte nicht weiterlaufen, um vor einer ausgebuchten Herberge zu stehen. Ich entschied mich also, trotz Mangel an Begeisterung für die Location gleich vor Ort in der Pension zu übernachten.
Ich war auch von der Pension selbst unbegeistert. Sehr altbacken, wenig Privatsphäre aufgrund von mehreren unverschließbaren Schlafsälen und -zimmern und nur einem Bad, einer karg ausgestattenen Küche… Ich habe etwas Zeit dafür gebraucht, mit meiner Entscheidung zufrieden zu sein, dort zu bleiben.

Ich war jedenfalls die Erste vor Ort und hatte also zunächst die Räumlichkeiten für mich alleine. Ich duschte, dehnte mich, packte meine Sachen auf mein Wunschbett für die Nacht und zog mit leichtem Gepäck in die Stadt. Der Himmel ging auf.

Convento del Carmen

Tatsächlich gab es einige beeindruckenden Gebäuden. Ich lief an der Jakobuskirche, am Brunnen Fuente del Carmen sowie an der öffentlichen Pilgerherberge vorbei. Ich ließ das imposante Kloster Convento del Carmen auf mich wirken. Dann lief ich weiter zum Santiaguiño do Monte, der nach 114 Stufen bergauf erreicht werden konnte. Und es lohnte sich tatsächlich. Ich war eine ganze Weile alleine auf dem Gelände. Es handelte sich um einen großen Park mit Kirche und Steinkreuz. Auf dem Hügel hätte der Apostel Jakobus seine erste Predigt auf spanischem Boden gehalten. Ob es stimmte oder nicht, wusste ich nicht, jedenfalls war es eine wunderbare Ruheoase. Ich setzte mich auf die Steinstufen und führte mein Tagebuch.

Es kamen ein paar mehr Besucher*innen, die aber diskret blieben. Ich ging danach in die Stadt bummeln, Kaffee trinken und einkaufen.

Santiaguiño do Monte

Ich verbrachte dann den Abend in der Pension. Als ich im Flur viele Koffer sah und darauf lesen konnte, dass es sich um eine Jugendgruppe handelte, dachte ich, dass ich mich auf keine erholsame Nacht einstellen sollte. Und wartete jeden Augenblick darauf, dass weitere Pilger*innen kamen, um auch im Schlafsaal zu übernachten. Es kam jedoch niemand ins Zimmer dazu.

Lediglich auf dem Flur und auf dem „Balkon“ traf ich weitere Pensionsgäste. Mit einem Priester kam ich ins Gespräch. Er würde besagte Jugendgruppe nach Santiago de Compostela leiten. Er war sehr nett.
Von der Jugendgruppe habe ich in der Nacht überraschenderweise nichts gehört. Ich schlief wie ein Baby!

Am nächsten Tag hatte ich meinen ersten richtig regnerischen Wandertag. Ich lief nicht bis Santiago, sondern nur bis Cruces. Ich hatte keine Lust, schnell „anzukommen“.

Davon erzähle ich hier.

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten