An diesem letzten Tag unterwegs war ich hochmotiviert und sehr aufgeregt. Ich freute mich auch darauf, alleine in Muxía anzukommen. Ich wollte als Erstes zurück zur schönen kleinen Gaststätte vom Vortag gehen, um zu frühstücken. Als ich jedoch eine Pilgerbekanntschaft durch das Fenster eines anderen Cafés auf dem Weg dahin erkannte, entschied ich mich, dort zu frühstücken.
Ich ging herein. Wir grüßten uns; er ging aber gleich zu einem Tisch herüber, ohne den Eindruck zu erwecken, dass er Gesellschaft haben wollte.
Im Café entdeckte ich eine weitere Bekanntschaft, die zuerst nach Muxía gelaufen war und dann zum Kap Finisterre laufen wollte. Ich hatte die andere Variante ausgewählt: zuerst Fisterra und Muxía zum Schluss. Wir plauderten kurz sehr angeregt über unsere jeweils hinterlegten Strecken, jedoch hatte ich bei ihm auch nicht das Gefühl, dass es passte, wenn wir gleich zusammensäßen. Ich ging also lieber zu einem freien Tisch.
Ich wurde von einem weiteren Tisch aus angesprochen. Es handelte sich um eine Wanderin, die ich in Fisterra auf der Straße mit derjenigen verwechselt hatte, mit der ich in Porto den letzten Abend vor dem Start meines Camino Portugués verbracht hatte. Ich rutschte dann zu ihrem Tisch, so dass wir uns etwas kennenlernen konnten.
Auch eine Dänin. Darum vielleicht die für mich verblüffende Ähnlichkeit? Ich schämte mich zwar darüber, dass ich zwei Menschen verwechselt hatte, während sie für deren Landsleute vermutlich klar voneinander zu unterscheiden waren. Wer weiß, vielleicht war es aber nicht so und sie sahen sich WIRKLICH ähnlich?
Jedenfalls war der Plausch sehr nett. Wobei auch sie gerade sehr redselig war, obwohl wir uns beide darüber einigen konnten, dass ein bisschen mehr Ruhe und weniger Plaudern auf dem Jakobsweg uns angenehmer gewesen wäre.
Dieser Austausch erlaubte mir, als sie mich später unterwegs aufholte, ohne viel schlechtes Gewissen dieses Mal (endlich!), sagen zu können, dass ich an dem Tag beim Laufen nicht reden und für mich sein wollte. Sie zeigte vollstes Verständnis; wir wünschten uns gegenseitig einen „Buen Camino“ und liefen getrennt weiter.
Es regnete viel an dem Tag. So viel, dass Wege sich in Bächer verwandelt hatten und meine Hose so nass wurde, dass sie unter meinen Gamaschen Wasser in meine Schuhe leitete. Es war etwas schwierig, die Beine meiner Zip-off-Trekkinghose im strömenden Regen im Stehen mit Rucksack abzutrennen, dafür für vorbeilaufende Wander*innen wohl sehr unterhaltsam, nachdem sie sich erkundigt hatten, ob alles in Ordnung bei mir wäre. Also auch ich war sehr amüsiert.
Es wurde sogar so stürmisch, dass ich beinahe gegen einen Radpilger lief, der mir entgegenkam und sein Rad bergauf schob, da ich die Kaputze meines Regenponchos tief ins Gesicht gezogen hatte und so nur meine eigenen Füße sehen konnte. Auch das war lustig.
Auch etwas spannend: es lag ein Baum quer im Weg. Der Sturm hatte ihn wohl umgehauen. Ich war erstaunlich wenig besorgt, trotzdem durchzukommen. Es ging eben. Als ich die Stelle fast außer Sicht hinter mich gelassen hatte, schaute ich jedoch zurück, denn die Person kam mir nicht unbedingt agil vor, die ich zuletzt überholt hatte. Vielleicht würde sie da Hilfe brauchen bzw. wollen. Ich wartete also einen Moment noch und beobachtete sie, als sie zur Stelle kam. Sie schaffte es auch, sich durchzumogeln. Ich war erleichtert, stolz auf sie und freute mich einfach über dieses Miniabenteuer.
Ich wusste außerdem, dass ich meine Wanderschuhe zum letzten Mal auf diesem Weg tragen musste und so kümmerte es mich nicht, dass sie sich voller Wasser gesaugt hatten und ich sie danach für eine Weile nicht mehr tragen sollte.
Im Übrigen würden sie ganze zehn Tage mit mehrmals täglichem Verstopfen mit Zeitungspapier brauchen, um zu trocknen!
Bis zur Ankunft schüttete es wie aus Eimern und ich war nicht so begeistert, mich am Endziel Muxía zu verlaufen und ewig die Touristeninformation zu suchen, wovon ich mir Auskunft und Ratschläge über Unterkünfte erhofft hatte. Endlich fand ich sie und war unwahrscheinlich dankbar, endlich im Trockenen stehen zu können und mir demnächst die nassen Klamotten vom Leib entfernen zu können, sobald ich irgendwo eingecheckt hätte.
Da kam er zu mir wieder. Mein „stetsaufmichwartender Mitpilger“ !!! Ich fand es zu 30% gruselig und 70% schön, dass er schon wieder da war, als ich ankam, obwohl wir uns schon verabschiedet hatten. Er empfohl mir die Pilgerherberge, in der er die Nacht übernachtet hatte, und nachdem ich meinen vorgemerkten Favoriten ausgecheckt hatte, wollte ich diese weitere Herberge doch noch anschauen. Sie wirkte freundlicher, war etwas günstiger als die andere und so blieb ich dort. Ich wollte mir für meine zwei letzten Nächte dieser großen Reise (ingesamt 4 Wochen) ein Einzelzimmer mit eigenem Bad gönnen. Sie hatten noch eins.
Es war plötzlich Luxus pur: großes Doppelbett, große begehbare Dusche, Fernseher… und BLICK AUF DAS MEER. Ich würde sehr viele Stunden auf der Bettkante sitzen und aus dem Fenster auf die Atlantik schauen.
Mein Mitpilger würde am frühen Nachmittag abreisen. Wir gingen unser letztes gemeinsames Pilgermenü in der Nähe von der Bushaltestelle essen. Seit unserem Abschied in Lires hatte ich die schönen Worte, die er in mein Pilgertagebuch geschrieben hatte und ich nicht in seiner Anwesenheit lesen durfte, nun gelesen und ihm meine Überraschung über seine triftigen Beobachtungen über mich mitgeteilt: die ganze Zeit hatte er mir nicht das Gefühl gegeben, dass er mir viel zugehört hatte. Ihm war das peinlich, dass es so herüberkam, und wir konnten beim Essen darüber reden.
Endlich fragte er mich aus. Er kriegte innerhalb einer Stunde eine schwere Ladung Information über meine Herkunft und meine Gegenwart geliefert. Es fühlte sich gut an, endlich dazu eingeladen zu werden, etwas konkretes über mich zu erzählen. Er war ersichtlich beschämt und gleichzeitig baff über das, was ich erzählte. Ich denke, es leuchtete ihm auf einmal ein, wie ich so drauf war, nachdem er mehr über mich in Erfahrung gebracht hatte.
Es wäre aus meiner Sicht so einfach gewesen, mich zu fragen.
Ich fand sehr interessant zu hören, wie er begründetete, kaum eine Frage gestellt zu haben. Er hätte mir nicht zu nahe treten wollen und erwartete einfach, dass ich irgendwann etwas über mich erzählte, als er von sich erzählte. Meinetwegen. Jedenfalls war das ein sehr lustiges und wohltuendes Abschiedsessen.
Er musste dann zum Bus. Wir waren weder mit dem Essen noch mit der Weinflasche fertig, die zu unseren zwei Pilgermenüs dazu gestellt wurde. Ich aß nach seinem Abgang gemütlich weiter und war sehr glücklich über diesen Tag soweit. Ich winkte ihm zu, als der Bus vorbeifuhr. Und sah, dass der Amerikaner, der hinter mir alleine gegessen hatte, noch da war. Ich drehte mich dann zu ihm und bot ihm an, mir zu „helfen“ , den Wein auszutrinken. Alleine würde ich es definitiv nicht schaffen.
So kamen wir ins Gespräch und in dem Restaurant fing eine weitere völlig unerwartete Freundschaft an.
Aber für heute sollte es reichen. Über den Rest dieses Tages und dieser Reise erzähle hier weiter.




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