Es war nicht abzuschätzen, dass wir an dem Tag den Sonnenuntergang am Kap Finisterre erleben würden, wie man sich das so vorstellen konnte: Der Himmel sollte am späten Nachmittag wieder zuziehen und es sollte regnen.
Mein Mitpilger der letzten Tage und ich gingen also voller Elan und jedoch schon etwas erschöpft gleich zum Kap. Einige kamen uns entgegen, die zurück zur Ortschaft Fisterra liefen. Alle waren verstrahlt. Selbst die Sonne lachte.
Wir mühten uns auf den Berg hoch ab und konnten es kaum erwarten, die „Null“-Marke dieses Wegs zu sehen. Als wir das Ende in Sicht hatten, musste er kurz innehalten. „This is amazing!“ Er war völlig überwältigt.
Die Aussicht war umwerfend, das Wetter traumhaft, die Stimmung unbeschreiblich. Wir trafen auch viele Pilgerbekannschaften genau da wieder. Es war erstaunlich und fühlte sich jedoch „normal“ an.
Ich hatte keine Lust, den Ort zu verlassen. Nach den obligatorischen Bildern vom Kap und diversen Gruppenfotos, entschied ich mich, in der Café-Bar vor Ort zu verweilen. Ich würde dort mein Tagebuch führen und auf den Sonnenuntergang warten, nachdem mein Mitpilger und seiner Bekanntschaft vom Camino Francés zurück nach Fisterra gegangen waren. Im Café spielte schöne moderne galizische Musik. Allmählich sank die Sonne gen Horizont. Und der Himmel blieb wolkenlos.
Ich ging dann raus, um den Sonnenuntergang in vollen Zügen geniessen zu können. Was für ein unglaubliches Glück, dass wir das doch noch erleben durften!
Es tauchten bekannte Gesichter wieder auf. Zum Beispiel eine Mitpilgerin, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte und für endgültig verloren hielt, sowie derjenige, mit dem ich an dem Tag so munter gestartet hatte. Ein paar Wander*innen hatten Rotwein und Becher sowie Oliven zum Snacken mitgebracht. Wir schenkten uns so in der kalten rötlichen Abendsonne gegenseitig ein. Es war wundervoll.
Eine Tradition dieses Wegs bestand darin, etwas von der Pilgerausrüstung am Kap noch zu verbrennen. Manche verbrannten Schuhe, andere ein T-Shirt, eine Socke… alles aber sehr umweltschädlich. Ich hatte ursprünglich vor, einen Notizzettel zu verbrennen. Andere hatten sich auch für diese niederschwelligere Variante entschieden. In der Bar hatte ich aber Holzbesteck gefunden und schrieb meine zu verbrennende Botschaft auf ein Holzmesser.
Wir zündeten nacheinander unsere Botschaften an der nächsten Feuerstelle an, nachdem die Sonne in die Atlantik verschwunden war. Wir gingen danach im Dunklen die 3,5 km zurück in das Städtchen.
Ich ging noch mit einigen der Anwesenden essen. Es waren lauter Fremde, die ich zuvor nie gesehen hatte und ich dachte, dass ich sie danach nie wieder sehen würde. Mit dem kleinen Jungen, der mir am Tisch gegenüber saß, hatte ich sofort sympathisiert und wir freuten uns offensichtlich beide sehr, uns am nächsten Morgen auf der Straße zu begegnen.
Davon erzähle ich auch hier.
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