An diesem letzten Tag vor meiner Abreise aus Muxía ging ich zum Frühstück in ein Café am Wasser. Churros wollte ich. Churros bestellte ich. Um danach zu merken, dass ich das typische Pan con Tomate nicht probiert hatte, obwohl ich schon länger in Spanien verharrte. Zu spät. Bzw. auf meiner nächsten Reise dann?
Ich hockte dann etwas länger im Café. Und beobachtete das Leben auf der Straße draußen und in der Gaststätte. Augenscheinlich waren nur Frauen bei der Arbeit: Straßenfegerinnen, Wirtinnen. Im Café-Saal gab es nur einheimische männliche Kundschaft. Es war mir irgendwie unheimlich bis unangenehm und die Erinnerung an die vielen antifeministischen Graffitis auf dem Weg durch Galizien schmerzte wieder.
Es kam der Amerikaner ins Café herein. Er setzte sich zu mir und frühstückte dann auch. Wir plauschten wieder herrlich und ziemlich lang. An dem Tag hatte ich noch vor, das Kap und seine Sehenswürdigkeiten zu erkunden und verabschiedete mich fürs Erste.
Ich folgte dem Jakobsweg bis zum Santuario da Virxe da Barca. Das Wetter war an dem Tag perfekt, um dieses Areal zu bewundern: wechselhaft, windig, mal bedeckt, mal sonnig. Die Atlantik rauschte wuchtig an der Küste. Es erstreckte sich eine karge felsige Landschaft unterhalb der naturbelassenen grünen Weiden.
Ein paar sehenswerte Bauten prangten auf dem Hügel: die Kirche Virxe da Barca so wie das Kunstwerk „A Ferida“ von Alberto Bañuelos-Fournier, das für die Wunde steht, was die Ölpest von 2002 dort hinterließ.

Nachdem ich einmal um das Gelände herum gelaufen war und einige Zeit auf dem Fels gesessen hatte, wollte ich von der anderen Seite des Geländes noch hochklettern. Eigentlich meinte ich das nicht so wortwörtlich, jedoch wurde es tatsächliches Klettern:
Als ich am Fuss des Hügels vor dem Sanktuarium stand, suchte ich nach einem Weg von dieser Seite wieder hoch. Es gab sowas wir Treppen. Und kleine weiße an Steine gemalte Pfeilen schienen einen Weg hoch zu zeigen. Na denn.
Es wurde schnell sehr steil. So steil, dass ich meine Hände brauchte, um mich zu stützen. Ich war etwas überrascht darüber, dass das ein „Weg“ sein sollte. Und sagte zu mir selbst, dass das für die meisten Besucher*innen schlicht und ergreifend unzumutbar wäre. Ich hatte nur noch meine Latschen und keine richtigen Schuhe mehr an. Hatte die nassen Wanderschuhe in der Pilgerherberge gelassen. Zum Glück hatte ich mich gegen Flip-Flops als Ersatzschuhe entschieden und trug etwas rutschfestere und geschlossene Surfschuhe, sowie keinen schweren Rucksack mehr. Ich drehte mich mal um, um zu schauen, wie der Weg zurück ausschauen sollte. „Unmöglich“, dachte ich mir bei dem Anblick. Von der Seite könnte ich nicht mehr absteigen. Es ging nur noch der Bergwand weiter hoch. Und es wurde noch steiler: ab dort gab es sogar KLETTERGRIFFE am Gestein geschraubt, um den Anstieg zu „erleichtern“. Ich war sowohl amüsiert als auch verunsichert. So erklomm ich völlig unvorbereitet und mit halbgünstiger Ausrüstung dieses Monte Corpiño.

Als ich oben ankam und mich an der tollen Aussicht sattgesehen hatte, ging ich zurück. Über das Sanktuarium allerdings!
Insgesamt wurde es einen absolut wunderbaren „Spaziergang“ in recht malerisch-mystischer Umgebung.
Ich bummelte anschließend am Hafen lang. Und hatte größte Schwierigkeiten, mir ein Café auszusuchen. Entweder gab es welche, in denen offensichtlich nur Tourist*innen saßen, welche in denen niemand saß oder noch weitere mit sehr wenigen Gästen. Die letzten zwei Kategorien fand ich nicht besonders ansprechend, die touristische Variante war mir aber am wenigsten recht. Ich wollte in einem des letzten zwei Typen einen Calimocho bestellen, um der Tischkolleg*innen meines letzten Abends in Fisterra zu gedenken. Hatten sie aber nicht. Ich nahm ein Glas Sangría stattdessen. Ein Riesenglas wurde es. Das haute mich etwas um.
Als ich mich mit meiner Riesen-Sangría abmühte, lief der Amerikaner am Café vorbei. Bis ich herausgegangen war, um ihn zu rufen, war er zu weit, um die Herkunft des Rufs zu erkennen. Er lief dann weiter und ich ging zurück zu meinem Tisch. Und irgendwann zur Pilgerherberge zurück.
Unterwegs erklang ein Song aus einem offenen Fenster, den ich auf ein Mixtape für einen guten Freund vor Jahren gepackt hatte, als ich aus unserer Wohngemeinschaft auszog. Dieser Freund war auch auf dem Jakobsweg gelaufen. Es passte wunderbar.
In meinem Einzelzimmer saß ich dann eine Weile wieder auf der Bettkante und schaute aus dem Fenster heraus. Es wurde etwas regnerisch und wirkte also nicht so, als ob der Sonnenuntergang für diesen letzten Abend wirklich schön werden könnte. Und doch. Als die Sonne unterging, ging der Himmel auf und es wurde bombastisch. Ich ging schnell raus, um dieses Spektakel mit allen Sinnen erleben zu können. Menschen kamen immer zahlreicher zur Strandpromenade, um diesen Moment festzuhalten. Manche auf Bilder, manche auf Videos, manche starteten Videoanrufe nach Hause. Ich öffnete mein Gehirn, um ein „inneres Bild“ zu schießen.
Der Amerikaner kam auch irgendwann zur Promenade. Über die Distanz schickte ich ein dezentes Lächeln. Die Anwesenden fühlten sich ziemlich klein, meine ich, so vor so viel Meer, so viel Sonne, so viel Schönheit.
Später abends trafen wir uns beide noch in der Küche. Am nächsten Tag würde ich abreisen. Wir quatschten also noch ein wenig. Ich ließ ihn sich auch in mein Pilgertagebuch verewigen.
Später kam ein wahnsinnig netter und interessanter ehemaliger Mönch dazu. Ich hatte mich noch nie mit einem Mönch unterhalten. Ich ging aber bald ins Bett, denn der Bus nach Santiago de Compostela würde extrem früh am Morgen abreisen und ich sollte packen und schlafen gehen. Ich verabschiedete mich also von den beiden.
Über meine Erlebnisse und Gefühle bei der Rückkehr wird hier berichtet.
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