Nach Beendigung meiner letzten Tagesetappe dieses Wegs in Muxía saß ich also nach dem Mittagessen länger im Restaurant. Ich kam mit dem Gast vom Nachbartisch ins Gespräch. Er gehörte zur Generation meiner Eltern und kam aus den USA. Wir verstanden uns erstaunlich gut und das Gespräch war sehr angeregt. Es kam noch ein Deutscher dazu, der so „typisch deutsch“ in seinem Auftritt war, dass es mir fast schmerzte und gleichzeitig das Herz erweichte. Den Wein von meinem Pilgermenü konnten wir so zusammen austrinken. Ich bestellte anschließend mehrmals Kaffee.
Ich verließ die Gaststätte, als die beiden noch weiter miteinander quatschten, und ging zurück in die Pilgerherberge. Eine Sache, die mir bei der Auswahl meiner Unterkunft für die zwei kommenden Nächte wichtig war, war die Möglichkeit, vor Ort günstig meine Wäsche in einer Waschmaschine waschen und idealerweise im Trockner trocknen zu können.
Ich fand die Handwäsche mit Shampoo sonst ziemlich zufriedenstellend und konnte mich zum Beispiel nicht wie manche darüber beklagen, dass meine Klamotten trotz Waschen stanken, aber mit so einem Waschmaschinengang würde alles auf jeden Fall wieder ganz sauber. In der Herberge kümmerte sich die Mutter der Familie, die den Laden betrieb, um die Wäsche. Ich sollte einen Korb fühlen und abgeben und würde meine Sachen später einfach – gegen wenig Geld – sauber und trocken zurück bekommen. Ich gab also meine zwei Wandersockenpaare, meine eine Unterhose, meine zwei Sport-BHs, meine zwei Sport-Oberteile, mein Freizeitsoberteil, meine zwei Wanderhosen, meine Jacke für die „Zwischenlage“ bzw. als Pulli-Ersatz, meine zwei Handtücher, meine Mütze und mein Multifunktionstuch ab. Praktisch alles, was ich an Klamotten getragen hatte, die waschmaschinenfest waren und ich nicht gerade anhatte.
Ich setzte mich dann in meinem Einzelzimmer auf die Bettkante meines großen Betts, führte Tagebuch und ließ einfach der Meeresblick und das dazugehörige Rauschen auf mich wirken. Stundenlang.
Als ich in die Gemeinschaftsküche ging, um mir einen Kaffee zu machen, wurde meine Wäsche gerade fertig. Perfektes Timing! Es war sehr schön, dass meine Sachen nun wohlriechend, warm, flauschig und ganz trocken wurden. Das mit dem durchtrocknen hatte die letzten Tagen (oder war das schon Wochen?) aufgrund des herbstlichen Wetters nicht mehr ganz geklappt.
Im Übrigens hatte ich an dem Tag die EINZIGE Fussblase, die ich auf meiner vierwöchigen Reise bekommen würde. Ich denke, sie entstand aus folgenden Gründen: Ich hatte nicht nur feuchte, sondern vollkommen nasse Füße gekriegt, auf der Tagesetappe gab es knapp 600 Höhenmeter insgesamt zu überwinden und ich hatte weniger Acht auf meine Füße bzw. meinen Gang gegeben, so dass ich bestimmt streckenweise ungünstig gelaufen war. Zu schnell zum Ende hin zum Beispiel.
Auch die Blase war mir aber egal. Ich war ANGEKOMMEN. 🙂
Abends setzte ich mich wieder in die Küche zu meinem amerikanischen Gesprächspartner vom Mittagessen und einer angeregt erzählenden Frau, mit der er gemeinsam Abendbrot aß. Sie würde am nächsten Morgen abreisen und schmierte sich Brötchen für die Reise. Sie meinte, sie hätte zu viel Essen übrig, und verschenkte mir den Rest davon. Auch im Kühlschrank gäbe es noch Nudelsoße und geriebenen Käse, den ich aufessen könnte. Im Schrank lägen viele angebrochenen Packungen Nudeln, die Tagespilger*innen nach ihrer einen warmen Mahlzeit vor Ort hinterlassen hätten.
Ich war ihr dafür sehr dankbar.
Allerdings sprach sie schnell, laut und unterbrochen, so dass ich innerhalb von wenigen Minuten Kopfschmerzen von der „Konversation“ kriegte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen dafür, deswegen schnell wieder gehen zu wollen, obwohl ich gerade teilweise gefüttert wurde, und bemühte mich einen Augenblick noch, dabei zu bleiben. Aber das wurde mir schnell zu albern. Ich ging zunächst kurz in mein Zimmer, um meine Tasse vom Nachmittag holen zu gehen, und wusch ab.
Sie hatte geredet, als ich die Küche verließ, und redete immer noch im gleichen Tempo und der gleicher Lautstärke, als ich zurückkam. Ich fand das unerträglich und verabschiedete mich für die Nacht. Ich war verblüfft vom Amerikaner, der sich nicht nur das Ganze geduldig anhörte, sondern auch noch Fragen zwischendrin stellte. Ihm war zwar der Schmerz ins Gesicht geschrieben, Anstand und Höflichkeit waren ihm anscheinend jedoch wichtiger.
Ich finde Rücksicht und Achtsamkeit wichtiger als Anstand und Höflichkeit; das ist womöglich aber nur eine Frage der Perspektive. Oder der Generation.
Am nächsten Tag war das Wetter wunderbar und ich konnte diesen magischen Ort etwas erkunden. Eindrücke davon habe ich hier geteilt.
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