Am Morgen der Abreise hatte ich ursprünglich vor, ins Café zu gehen, in dem ich am Vortag war. Sie machten so früh auf, dass genug Zeit für das Frühstück vorhanden war, bevor der erste Bus kam. Ich blieb jedoch in der Gemeinschaftsküche der Pilgerherberge. Es gab guten Kaffee, ich hatte noch Brot vom Vortag da und gegen Spende habe ich mir Butter aus dem Kühlschrank genommen. In der Hoffnung, dass diese nicht reserviert bzw. von jemandem anderen war. Es gab keinen Namen dran. Ich legte eine entkeimte Münze in den Kühlschrank, wo die Butter stand, die ich verbraucht hatte.
Einige weitere Pilger*innen liefen dann zur Bushaltestelle, viele standen schon da. Wieder überkam mir Angst, dass es nicht genug Platz für mich – dieses Mal im Bus – geben würde. Ich hatte zwar viel Zeit bis meinem Rückflug aus Porto in Portugal, könnte es jedoch nur dann pünktlich schaffen, wenn ich diesen Bus nähme.
Beim Warten kam ich kurz ins Gespräch mit einer Wanderin aus Australien, die in Korsika lebte. Sie teilte meine leichte Frustration darüber, dass es schwierig bis unmöglich war, auf diesem Weg für sich alleine zu sein. Und dass es für sie und für mich doch ruhig etwas bergiger hätte sein können. Sie meinte, dass sie das nächste Mal den sogenannten „Küstenweg“ laufen würde, der in den Pyrenäen begann. So wie ich auch.
Als der Bus kam und alle miteinsteigen konnten, setzte ich mich erleichtert hinten im Bus, die Australierin vorne hin.
Es war ein äußerst seltsames Gefühl, die Strecke innerhalb von wenigen Stunden mit dem Bus zurückzufahren, die Tage und Wochen zu Fuss in Anspruch genommen hatten. Vom Bus aus sah die Strecke unspannend aus. Autobahn. Stadt. Autobahn. Es war unheimlich zu wissen, wie schön und anders diese Reise sein könnte, wenn dafür Zeit eingeräumt wurde und die Möglichkeit bestand.
In Santiago de Compostela musste ich umsteigen. Um die Uhrzeit war der für mich relevante Schalter noch nicht besetzt. Zum Glück wusste ich, mit den Automaten des Busunternehmens gut umzugehen, und konnte die Schlange vor dem Schalter meiden. Anscheinend ergatterte ich am Automaten prompt den allerletzten Platz in dem Bus, den ich nehmen wollte. Glück gehabt!
Für den Umstieg in Santiago und dann am Flughafen in Porto hatte ich sehr viel Zeit.
In Santiago wurde ich beinahe um ein paar Euro von einem Kleindieb, der mit einer Geldwechselmasche ahnungslose Fremde bemogelte, erleichtert. Als ich meine Geldtasche zuckte, intervenierte ein anderer Pilger, der gerade hereingefallen war. „Geben Sie ihm kein Geld! Er hat mir gerade zwei Euro gestohlen!“ Ich entschuldigte mich abweisend beim Betrüger, bedankte mich beim Helfer, drehte mich um und ging ins Busbahnhofs-Café herein, um mir die Zeit mit einem Warmgetränk zu vertreiben.
Willkommen in die normale Welt zurück. Oder so.
Insgesamt war die Rückreise recht belanglos. Trübes Wetter, trübe Stimmung. Ich hatte keine Lust, zurückzukehren. Keine Lust auf Alltag. Keine Lust auf Stadt. Keine Lust auf Menschenmassen. Keine Lust auf schlecht gelaunte Mitmenschen, so weit das Auge reicht.
Auch keine Lust auf die Frage zu antworten, wie es war.
Am Flughafen Porto hatte ich noch viele Stunden Wartezeit. Auch vor dem Einchecken meines Gepäcks. Ich bin also durch die unterschiedlichen Hallen des Flughafens herumgeirrt. Habe jeden Laden angeschaut; sämtliche Kunstwerke von der temporären Ausstellung betrachtet. Habe ein Magazin auf Spanisch gekauft. Einen Kaffee getrunken. Ein Bier sogar. Und grübelte so vor mich hin.
Ich fragte mich zum Beispiel, ob es nicht für mich besser wäre, Wanderwege zu gehen, die keine Jakobswege sind, um dem ständigen „Socializen“ besser entkommen zu können.
Nach dem Check-in hatte ich endlich weniger Zeit totzuschlagen. Und hatte plötzlich Lust, eine vertraute Stimme zu hören. Und telefonierte ein bisschen. Ich hatte so viel zu erzählen und keine Möglichkeit, vermitteln zu können, was ich auf dieser Reise wirklich erlebt hatte. Ich wollte die Person am anderen Ende der Leitung nicht mit Informationen und Eindrücken erschlagen und es gelang mir nicht, irgendetwas passendes zu erzählen. Frust ablassen und Witze reißen konnte ich dann, plaudern nicht so richtig. Oder war da schon Plaudern?
Ich fand es trotzdem schön und tröstend, diese freundliche, vertraute und fröhliche Stimme zu hören.
Während des Flugs zogen die Wolken in mir jedoch wieder auf. Ich war perplex über das Verhalten meiner Mitmenschen, fühlte mich fremd und hatte nur Lust auf eins: Einsamkeit.
Zunächst landete ich bei meiner Familie in der „Heimat“. Erst danach ging es „nach Hause“.
Von dem zweiten Teil meiner Heimreise erzähle ich hier.
Ein Kommentar zu “Rückkehr 1, Teil 1”