Nach einer Woche „Zwischenhalt“ bei meiner Familie in der sogenannten „Heimat“ ging es „nach Hause“. Nach Deutschland also. Monate später weiß ich immer noch nicht genau, was dieses „zu Hause“ nun für mich bedeutet. Ob es das Land ist, in dem ich mein Erwachsenenleben verbracht habe, die Stadt, in der ich mich ausgetobt habe und richtig „erwachsen wurde“, mein geliebtes Stadtteil in der mir nicht mehr so genehmen Großstadt, meine nette Nachbarschaft, oder das Nest, das ich mir dort gebaut habe?
Vielleicht kann ich auch woanders ein Nest bauen, jetzt dass ich es überhaupt einmal geschafft habe? Muss ich mir die Großstadt wirklich noch antun, um meinen „Lebensunterhalt“ bestreiten zu können? Kann ich meine Leute nicht auch dann besuchen fahren, wenn ich noch weiter draußen lebe? Würden sie mich noch besuchen kommen? Sind es dann noch Freund*innen, wenn sie mich deswegen nicht mehr besuchen kommen, weil ich weiter weg bin?
Noch habe ich nicht alle Antworten auf diese Fragen. Wobei in der Fragestellung steckt teilweise schon die Antwort auf einiges, meine ich.
Am Startbahnhof begrüßte mich ein Mann am Schalter, der bei unserer letzten Begegnung so leger mit mir umgegangen war, dass ich dachte, es wäre eine Bekanntschaft aus meiner Kindheit. Der Vater eines Kindes, mit dem ich in die Schule gegangen war, vielleicht? Er wollte erst nicht verraten, ob/woher wir uns schon kannten. Aber verhielt sich so, als ob wir eine tief verwurzelte Verbindung hätten. Ich fragte ihn an dem Tag dann solange, bis er verriet, dass wir uns nicht kannten, aber „man ihn nicht so schnell vergessen würde“ und sagte sowas wie „so ist die Liebe“. Abgesehen davon, dass ich in keinster Weise mit ihm flirten wollte oder Interesse an seiner Person hatte, stand er kurz vor der Rente. Ich war dann 38 und meine flüchtigen Kontakte hielten mich meist für 25. Was stellte er sich denn vor?!
Ich war bei der Aufschlüsselung dieses Rätsels extrem amüsiert und die Situation wurde mir gleichzeitig extrem unangenehm. Als ich mich dann etwas knapp verabschiedete, stand er hinter dem Tresen auf und wurde noch recht melodramatisch. Mir war nicht mehr nach Lachen zumute. Mir war nach Flucht. Ich ging also raus zum Bahnsteig und stellte mich so, dass ich für ihn außer Sicht war.
Menschen sind manchmal ganz schön komisch.
Ich hatte viel Puffer eingeplant, um meinen ersten Anschluss nicht zu verpassen. Bei der letzten „Heimreise“ musste ich nämlich zum Umsteigebahnhof mit dem Auto gefahren werden, denn der Regionalzug dahin hatte zu viel Verspätung.
Mal wieder hatte ich außerdem die Sorge, dass nicht genug Platz für mich im Zug noch vorhanden sein sollte, denn es waren Stoßzeiten und ich hatte sowohl meinen Pilgerinnenrucksack als auch einen Koffer dabei.
Und doch: Der Zug war pünktlich, nicht zu voll für mich und meine Bagage und ich kam sehr entspannt zum Umsteigebahnhof.
Ich frühstückte etwas in der Bahnhofshalle und beobachte dieses merkwürdige Kommen-und-Gehen eines großen Bahnhofs. Eine alte Person setzte sich schräg gegenüber von mir in der Wartehalle hin. Spatzen hatten sich im Gebäude breit gemacht. Sie flatterten und pickten durch die Gegend. Die Dame warf die Krümmel von ihrem Frühstück auf den Boden vor sich, um die Spatzen zu füttern. Ich dachte, ich spinnte. Essen auf den Boden schmeißen, um Tiere zu füttern, die draußen gehörten?! Ich war sofort wieder peinlich gerührt. Und jedoch hatte ich gleichzeitig Mitleid für die Person. Alles fühlte sich falsch an: die Situation, das Verhalten der Menschen, meine Reaktion darauf.
Der nächste Umsteigebahnhof war noch größer. Der Anblick von den vorbeirasenden Menschenmassen mit grauer Miene – alle gestresst – und von den Fressbuden mit schrecklichem Essen sowie der Gestank – eine Mischung aus warmem Stahl, Frittieröl und sonstigem Dreck – verstärkten mein Gefühl von Absurdität bezüglich dieses „zivilisierten“ Lebens ungemein. Diese sinnlose und durchweg ungesunde Hektik überall. Die bekloppte Selbstdarstellung. Kein. Bock. Drauf.
Jedenfalls hatte ich durch die große Verspätung meines Anschlusszugs Zeit, um etwas vor Ort in Ruhe zu essen. Ich hatte beim herumlaufen gesehen, dass es im Bahnhof sogar guten Kaffee zu haben wäre und gönnte mir eine schöne schwarze Brühe. Die ich zwischen Kiosktresen und -glasscheibe zerquetscht trinken musste. Na ja. Immerhin schmeckte es!
Ich musste dann auch nicht mehr umsteigen, um in die Stadt zu fahren, in der ich wohnte: Durch die Verspätung hatte ich keine Zugbindung mehr und konnte die teurere Strecke nehmen. Ich durfte also im Zug fast bis zum Ziel bleiben. Meinen Sitz musste ich auch nicht räumen. Die nächste Person, die den Platz nach meinem geplanten Ausstieg reserviert hatte, hatte sich wohl auch eine Alternativroute ausgesucht und war nicht in diesem Zug.
Die Rückfahrt an sich war also erstaunlich entspannt.
Bei der Ankunft wünschte ich mir, dass eine geliebte Person mich empfangen würde. Es wartete aber niemand auf mich.
Die Wohnung hatte auf mich gewartet. Die Pflanzen sahen sehr gesund aus, meine Etagenachbarin hatte sich liebevoll um sie gekümmert.
Und nun? Ich hatte keine Ahnung. Ich musste erstmal „ankommen“. Die Seele kommt ja zu Fuss, ob man gelaufen, gefahren oder geflogen ist. Sie würde also nachkommen. Vielleicht.
Mein nächster Schritt:
Meine Wohnung für ein halbes Jahr loswerden, um weiterreisen zu können.
Wie es bei mir weiterging, werde ich bestimmt auch bald nacherzählen.
Ein Kommentar zu “Rückkehr 1, Teil 2”