„Auf Immerwiedersehen!“
Ich hatte mich mit meinem „stetsaufmichwartenden“ Mitpilger zum Frühstück beim Sonnenaufgang verabredet. Nicht, dass ich sehr lustig drauf war, mit ihm noch weiterzulaufen, aber diese Begleitung streng ablehnen wollte ich auch nicht. Er sollte von Fisterra direkt nach Muxía weiterlaufen; ich wollte dazwischen für die Nacht noch einmal anhalten. So dachte ich, ich hätte spätestens nach der Mittagspause Zeit für mich.
Erwartungskonform hatte er jedoch zu Mittag keine Lust, mich hinter sich zu lassen, und ließ das „Schicksal“ entscheiden, ob er nach dem Mittagessen tatsächlich weiterziehen würde oder wie ich auch in Lires übernachten würde. Mehr dazu aber später.
Ich wurde recht früh wach, munter und bereit und verließ die Pilgerherberge früher als nötig. Ich entschied mich, bereits zu frühstücken, denn es regnete etwas und es war mir nicht danach, im Regen zu warten. Ich setzte mich in ein Café mit Blick auf die Bushaltestelle, wovon Busse von und nach Muxía abfuhren. So sah ich wieder viele der Menschen, die ich auf dem Weg zwischen Santiago de Compostela und dem Kap Finisterre ein- oder mehrmals getroffen hatte. Sie verabschiedeten sich voneinander; die mehr oder weniger kleinen Pilgergruppen gingen auseinander. Manche würden nach Muxía weiter-, manche zurück nach Hause über Santiago fahren. Ich war gerührt. Und froh, noch weiterlaufen zu können.
Kurz vor dem Sonnenaufgang verließ ich das Café und bummelte noch ein bisschen um meinen Treffpunkt mit meinem Wanderkollegen herum. Irgendwann schaute ich auf den Hafen herüber und erkannte eine Silhouette: mein Mitpilger war wohl auch früher startklar gewesen und bummelte ebenfalls herum.
Auch er erkannte mich und wir gingen ins nächste Café: er hatte noch nicht gefrühstückt. Und mal wieder trafen wir auf seine Camino Francés-Bekanntschaft, die schon da saß und Postkarten schrieb. Wir plauderten kurz aber ich wollte sie beim Schreiben nicht stören und sorgte dafür, dass wir uns an einen anderen Tisch hinsetzten. Wir verabschiedeten uns also nochmal von ihr. Nachdem wir es am Tag zuvor bereits getan hatten. Das sollte auch nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir uns verabschiedeten, denn wir trafen sie noch einmal, bevor wir den Ort verließen. Ein ewiges „Auf Wiedersehen!“ war das.
Als wir aufbrechen wollten, war die Poststelle offen und ich wollte noch schnell sicherstellen, dass meine letzte Postkarte ausreichend frankiert war. Ich ging also kurz hinein. Die Person am Empfang war äußerst freundlich, verstand aber keine der Sprachen, die ich im Angebot hatte. Also zuckte sie ihr Smartphone heraus und probierte es mit einer dolmetschenden App, um mit mir zu kommunizieren. Das klappte weniger gut als mit Händen und Füßen. Jedenfalls verstand ich, dass meine Postkarte so abgeschickt werden konnte. Hurra! Ich habe mich über diesen Mikro-Erfolg am Morgen sehr gefreut. Als ich aus der Poststelle rauskam, kam mir bzw. uns der Mitpilger von Hospital de Logoso entgegen. So konnten wir uns ordentlich auch von ihm verabschieden. Er würde den Bus weiter nach Muxía nehmen und dann gleich weiterziehen.
Kurz darauf kamen uns zwei Bekannte vom Vorabend auch noch entgegen: eine Mutter und ihr Sohn. Der Sohn rannte zu mir, als er mich sah. Ich breitete die Armen aus; er sprang auf mich auf. Ohne ein Wort gaben wir uns das „geheime Handzeichen“, das er mir beigebracht hatte. Ohne Worte also, dafür mit allseits breitem Lächeln zogen wir dann aneinander vorbei.
Was für einen Morgen!
Nach diesem bewegenden Start nahm ich meinen Mitpilger auf eine Alternativroute mit, die sich direkt entlang der Küste erstreckte. Es wurden schöne, praktisch menschenleere Wanderstunden mit tollen Waldpisten, steilen Hügeln und atemberaubenden Aussichten auf einsame Strände.
Es regnete hin und wieder und ich dachte, ich wäre schlau und würde den „Plastiktütentrick“ einer Bekannten ausprobieren, um trockene Füße trotz feuchter Schuhe zu behalten: ich zoge Plastiktüten über meine Socken vor den Schuhen an.
Nach wenigen 100 Metern hatte ich solch verschwitzte Füße, dass sie bereits nass waren, bevor es richtig angefangen hatte zu regnen.
Lektion des Tages: der Platiktüte-im-Schuh-Trick war bei mir gegenproduktiv.
Leider waren meine Socken vom Vortag noch nicht wieder ganz trocken, allerdings trockener als diejenigen, die ich gerade anhatte. Ich wechselte also noch die Socken, bevor es noch unangenehmer würde. Zweite Lektion: ich brauchte insgesamt drei statt nur zwei Paar Wandersocken, wenn ich so durch regnerische Gegenden lief, damit ich immer Trockene anziehen könnte.
Kurz vor der Ankunft an meinem Tagesziel und unserem gemeinsamen Pausenort Lires wurden wir von tausenden Möwen, die sich in der Bucht aufhielten, begrüßt. Manche schwebten auf dem Wasser, manche flogen in riesigen eleganten Schwärmen über dem niedrigen Wasser, manche surften lustig, wo Wasser aus einer Fabrik herausströmte. Das war ein verblüffender und verzaubernder Anblick.

Zu Mittag fanden wir ein sehr (!) hübsches Bar-Laden-Restaurant, das in einer Art Feriendorf lag. Nachdem wir unser Pilgermenü bestellt hatten, ging ich – alleine – einchecken. Mein Mitpilger war sich noch sehr unschlüssig, ob er wie geplant weiterlaufen sollte oder noch mit mir am Standort bleiben würde. Mir war es unangenehm, dass er so an mir hing und nicht merkte, dass ich ihm nicht mehr zuhören konnte und meine Ruhe brauchte. Ich wurde sehr vage in der Beschreibung meiner ausgesuchten Unterkunft und erzählte, dass es dort etwas teurer wäre, um ihn zu entmutigen zu bleiben. Was auch stimmte. Er ließ aber eine Münze entscheiden.
Er warf sie und… er sollte weiterlaufen, nicht hier bleiben. Uff.
Der Abschied sollte etwas merkwürdig ausfallen, denn ggf. würden wir uns auf diesem Camino nicht mehr sehen und wir waren uns die letzten Tage gegenseitig ans Herz gewachsen. Ich hatte etwas Bammel, dass von seiner Seite sogar ein Annäherungsversuch in der letzten Minute noch kommen sollte und entschied mich, ihn direkt vor der Gastätte fortzuschicken. Ich wollte nicht, dass er mich zu meiner Unterkunft begleitete. Er war ersichtlich verunsichert, aber so konnten wir uns auf eine Art verabschieden, die mir passte.
Ich würde ihn aber doch nicht zum letzten Mal auf diesem Camino treffen. Dazu mehr hier.
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