Als ich am nächsten Morgen aufstand, war meine neue Bekannschaft vom Vorabend in der Pilgerherberge von Negreira schon startklar. Er schien auf etwas zu warten. Ich hatte zunächst keine große Lust, gleich mit ihm weiterzuziehen, denn ich wollte bei ihm keine Hoffnung auf ein romantisch motiviertes näheres Kennenlernen wecken. Also trödelte ich beim Packen und beim Frühstück. Irgendwann war ihm klar, dass ich nicht unbedingt mit ihm zusammen starten wollte, bzw. er hatte keine Lust mehr zu warten und brach auf.
Ich war etwas erleichtert.
Es war noch eine Stunde vor dem Sonnenaufgang, es waren aber schon einige vor mir gestartet und so dachte ich, dass es für mich in Ordnung wäre, mich ohne Licht auf den Weg zu machen. Hatte nämlich nichts dabei. Es war leider nicht ganz so einfach.
Der Weg ging gleich in den Wald auf Schuttpisten herein und es war zappenduster. Vor mir waren ein paar Pilger*innen mit Stirnlampe, die grob die Richtung zeigten. Wenn ich nicht gleich die Möglichkeit gehabt hätte, direkt hinter jemanden mit Licht zu laufen, hätte ich zurückkehren müssen. Denn selbst so war es sehr schwer, nicht zu stolpern. Der Weg war nicht besonders fest und Stirnlampenlicht auch keine Straßenbeleuchtung.
Ich machte mir noch ein bisschen mehr Sorgen, als mein „Leuchtturm“ kundgab, dass der Stirnlampenakku vermutlich bald den Geist aufgeben würde. Besagte Person schien dabei unbekümmert. Sie war es gewohnt, so früh loszulaufen. Und bislang schien es für sie immer gut gegangen zu sein. Sie sagte, dass sie den Moment immer besonders genoss, in dem die Sonne aufging.
Tatsächlich schafften wir es, über das Geröll im Dunklen zu tapsen, ohne auf die Nase zu fallen. Ich war mal wieder hocherfreut darüber, Wanderstöcke dabei zu haben.
Nach dem Sonnenaufgang und ein paar Stunden auf dem teils steilen und steinigen Waldweg hatten wir Bedarf an einer Pause. Zumindest träumte ich von einem Kaffee. Bald zeigte ein Schild, dass es auch demnächst die Möglichkeit geben würde, dafür anzuhalten. Hurra!
Meine Begleitung war ebenfalls angetan und wir stiegen eine steile Treppe abseits vom Weg hoch, am Ende deren ein nettes kleines Café prangte. Da saß auch meine wartende Bekanntschaft schon! Er hatte gerade aufgegeben, sein zweites Frühstück aufzuessen, denn das Stück Kuchen war ihm jetzt einfach zu groß. Er nippte bloss an seinem Heißgetränk.
Wir lernten dort zwei kennen, die gemeinsam die Via de la Plata gelaufen waren und immer noch zusammen unterwegs waren. Boah. Das waren schon ca. 1000 km von Sevilla bis Santiago. Ich war schwer beeindruckt. Aufgrund der hinterlegten Distanz, weil sie im Sommer im heißen Andalusien gestartet waren und weil sie das zu zweit durchgezogen hatten. Wenn eine Beziehung diesen Test bestehen kann, gibt es warscheinlich nichts, was diese zum Wackeln bringen kann.
Nach der kleinen Pause zogen wir zu dritt weiter: mein wartender Bekannter, die Stirnlampenträgerin und ich. Es ergaben sich viele schönen Gespräche unterwegs, wobei mein Bekannter so viel von sich erzählte, dass ich ihm irgendwann kaum noch aufmerksam folgen konnte. Als er mit der anderen Wanderin etwas mehr im Austausch war, nutze ich die Gelegenheit, um etwas flotter vorweg zu laufen. Und meine Ruhe zu haben.
Besagte Mitpilgerin bog irgendwann ab, um sich anderen Bekannten in einem weiteren Café am Wegrand zu gesellen. Wer weiß? Vielleicht wurde auch ihr das Gespräch mit dem redseligen Kollegen zu viel und so hatte sie eine Ausweichmöglichkeit gefunden.
Interessanterweise hatte sie ursprünglich einen schlechten ersten Eindruck bei mir gemacht: Als ich sie zum ersten Mal sah, war es kurz nach einem Etappenstart und sie telefonierte beim Laufen. Was sollte das? Auf dem Jakobsweg zu telefonieren, fand ich an sich schon absurd, aber solche Rücksichtslosigkeit auch noch zu zeigen, alle anderen damit zu beschallen, fand ich echt ätzend.
Und doch war ich sehr dankbar dafür, sie später näher kennenlernen zu können.
Der Weg ging irgendwann raus aus dem Wald, durch kleine Dörfer und viel Ackerland. Mittlerweile hatten wir die 400 Höhenmetermarke erreicht.
Zu Mittag hielten wie in der privaten Pilgerherberge an, die ich ins Auge gefasst hatte, weil sie ein Restaurant hatte. Wir checkten ein und machten es uns im 6-Betten-Schlafsaal „bequem“. Es gab bereits einen Wanderer vor Ort, der draußen auf der Terrasse direkt neben der Wäscheleine rauchte. Was soll ich sagen? Ich war von seinem Verhalten auch gleich genervt. Rauchen stank halt; und neben frisch gewaschenem Zeug zu rauchen, war Kacke. Ich war auch deswegen gereizt, weil er nicht zurückgegrüßt hatte. „Asozial“, dachte ich mir.
Am Nachmittag wurde die Bude noch voll und wir aßen abends alle zusammen. Auch mit dem nichtgrüßenden rauchenden Pilger. Was soll ich nun sagen? Es war ein sehr lustiger Abend.
So lustig, dass ein paar Mitpilger*innen etwas zu viele Biere tranken und ich sie in der Nacht um Ruhe bitten musste. Sie flogen nämlich irgendwann aus der Restaurant-Bar raus und grölten mit Wegebieren im kleinen Gemeinschaftsraum unterm Schlafsaal weiter. Beim Treppenabsteigen zu ihnen konnte ich ihre Bierfahne riechen, bevor ich sie zu sehen bekam.
Irgendwie war das doch lustig. Also richtig böse wurde ich nicht. Was mich überraschte.
Mein stetsaufmichwartender Mitpilger und ich würden noch zweimal vor Fisterra und dem Kap Finisterre anhalten.
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