„Ballast abwerfen“
Nachdem ich die Postkarten, die ich in Porto schon gekauft hatte, endlich geschrieben hatte, habe ich sie unterwegs eingeworfen. Die Poststelle von Póvoa da Varzim lag günstig auf dem Weg. Mit ein paar Gramm weniger auf den Schultern und einem Gefühl der Erleichterung ging ich am Strand lang weiter zu meiner nächsten Station.
An dem Tag hätte ich einige Möglichkeiten, meine Tagesetappe zu kürzen bzw. zu verlängern, und somit war es entspannt für mich, irgendwo „anzukommen“. Ich würde halt sehen, bis wohin es mich trieb. Rio Alto? Auf jeden Fall. Fão? Bestimmt. Esposende? Plausibel. Marinhas? Wäre toll. Mehr wäre vermutlich zu viel gewesen.
Und bis Aguçadoura war alles gut. Danach wurde ich schon wieder sauer: Es gab so viel Müll am Wegrand, dass ich mich mal wieder gefragt habe, wie manche Menschen wandern und die Natur geniessen wollten und gleichzeitig allerlei Müll links und rechts liegen lassen konnten.
Zugegebenermaßen waren es nicht nur wir „rücksichtslose Tourist*innen“ am Werk gewesen. Die am schlimmsten vermüllte Strecke war die durch die Gewächshäuser. Dort stank es und Fliegen schwirrten und stochen herum. Da lag so viel allerlei Müll, ich fragte mich, ob die Müllabfuhr in dem Gebiet je vorbeigeschaut hatte. Ein altbekanntes nicht ganz so willkommenes Gefühl war wieder da: WUT! „Hallo. Was geht ab? Ich dachte, ich hätte dich gar nicht mitgenommen…“ Ich grübelte also wütend vor mich hin darüber, wie man das Müllsammeln beim Pilgern attraktiver machen könnte, denn die Situation war ja absolut inakzeptabel. Statt zu grübeln hätte ich vielleicht ein bisschen von dem Dreck aufheben können, aber… eine Ausrede gab es immer.
Mit den an dem Tag getroffenen Mitpilger*innen war ich jedoch einigermaßen umgänglich. Ich unterhielt mich etwas zu lang und zu aufgeregt mit einer Landsmännin, die als Quartiersmanagerin direkt in der Wohngegend tätig war, wo ich aufgewuchs. Nach diesem Gespräch hatte ich schon genug für den Tag mit anderen interagiert und zog an weiteren Wander*innen flink vorbei bzw. verabschiedete mich bald nach einem kurzen Plausch, wenn ich angesprochen wurde.
Wie war das nochmal mit der positiveren Einstellung?
Gefühlt jeden Morgen konnte ich die Atlantik, grau unter dem bedeckten Himmel, wuchtig gegen die Küste brechen sehen. Ich dachte mir, dass die Atlanktik vielleicht ein Morgenmuffel wäre. Vielleicht war ich gerade der Morgenmuffel?
Nach dem Vormittag, der ein bisschen „für die Tonne“ war, habe ich im Campingplatz in Rio Alto für die Mittagspause angehalten. Auch da fand ich es öde: eine politische Veranstaltung war in Vorbereitung vor Ort; ich wurde also von einem Sicherheitsdienst begrüßt; es war nichts los im Restaurant; und das Essen war zwar „viel und warm“ aber grau (!) und der überbackene Käse auf meiner Pampe sah nicht ganz so frisch aus… Hurra! Was für einen Tag soweit! 😀
Zum Glück war es danach wieder schöner. Wobei ich kurz vor der Ankunft in meiner Wunschherberge mit großem Schreck feststellte, dass ich meine Mütze unterwegs verloren hatte. Es durfte aber nicht so lange her gewesen sein, denn ich konnte mich erinnern, sie erst kürzlich an meinen Rucksack „fest“gemacht zu haben. Es war im Waldstück, den ich gerade erst verlassen hatte. Ich fragte mit Händen und Füßen zunächst einen Jugendlichen, der gerade den Weg hinter mir gegangen war. Entweder verstand er mich nicht oder er hatte nichts gesehen, jedenfalls lief er dann weiter. Ich brauchte meine Mütze dringend und kehrte um. Als ich mich kurz darauf umdrehte, sah ich, wie ein Anwohner mit dem Jugendlichen sprach. Es sah so aus, als ob besagter Anwohner sich um mich sorgen würde, weil ich plötzlich in die verkehrte Richtung lief und er sich beim Jugendlichen erkundigen würde, ob er wüsste, was mit mir wäre.
Tatsächlich hatte ich meine Mütze erst vor kurzem fallen lassen und war überglücklich darüber, sie gleich wiederfinden zu können. Als ich zurück am Ortseingang war, stand der Anwohner noch auf der Straße und schaute besorgt in meine Richtung. Er hatte tatsächlich auf meine Rückkehr gewartet, um sicher zu stellen, dass ich mich nicht verlief. Unfassbar, diese Portugiesen. Unfassbar nett.
Nach 26km war er kurz-vor-knapp, um ein Bett in der Pilgerherberge zu bekommen, aber es klappte dennoch. In der Nacht würden wir alle große Schwierigkeiten haben, einzuschlafen, weil ein Volksfest mit Live-Musik, Tanz und Feuerwerk im Ort bis spät in der Nacht noch rauschen würde. Und weil der Schlafsaal und seine vielen Betten sowieso sehr laut waren.
Beim Aufbrechen von dieser Herberge am nächsten Morgen würde ich jemandem begegnen, der mir sowas wie „meinen Camino-Moment“ bescheren würde.
Hier geht es damit weiter.