Camino 1, Tag 6

„Ballast abwerfen“

Nachdem ich die Postkarten, die ich in Porto schon gekauft hatte, endlich geschrieben hatte, habe ich sie unterwegs eingeworfen. Die Poststelle von Póvoa da Varzim lag günstig auf dem Weg. Mit ein paar Gramm weniger auf den Schultern und einem Gefühl der Erleichterung ging ich am Strand lang weiter zu meiner nächsten Station.

An dem Tag hätte ich einige Möglichkeiten, meine Tagesetappe zu kürzen bzw. zu verlängern, und somit war es entspannt für mich, irgendwo „anzukommen“. Ich würde halt sehen, bis wohin es mich trieb. Rio Alto? Auf jeden Fall. Fão? Bestimmt. Esposende? Plausibel. Marinhas? Wäre toll. Mehr wäre vermutlich zu viel gewesen.

Und bis Aguçadoura war alles gut. Danach wurde ich schon wieder sauer: Es gab so viel Müll am Wegrand, dass ich mich mal wieder gefragt habe, wie manche Menschen wandern und die Natur geniessen wollten und gleichzeitig allerlei Müll links und rechts liegen lassen konnten.

Streckenweise sah es so aus!?

Zugegebenermaßen waren es nicht nur wir „rücksichtslose Tourist*innen“ am Werk gewesen. Die am schlimmsten vermüllte Strecke war die durch die Gewächshäuser. Dort stank es und Fliegen schwirrten und stochen herum. Da lag so viel allerlei Müll, ich fragte mich, ob die Müllabfuhr in dem Gebiet je vorbeigeschaut hatte. Ein altbekanntes nicht ganz so willkommenes Gefühl war wieder da: WUT! „Hallo. Was geht ab? Ich dachte, ich hätte dich gar nicht mitgenommen…“ Ich grübelte also wütend vor mich hin darüber, wie man das Müllsammeln beim Pilgern attraktiver machen könnte, denn die Situation war ja absolut inakzeptabel. Statt zu grübeln hätte ich vielleicht ein bisschen von dem Dreck aufheben können, aber… eine Ausrede gab es immer.

Mit den an dem Tag getroffenen Mitpilger*innen war ich jedoch einigermaßen umgänglich. Ich unterhielt mich etwas zu lang und zu aufgeregt mit einer Landsmännin, die als Quartiersmanagerin direkt in der Wohngegend tätig war, wo ich aufgewuchs. Nach diesem Gespräch hatte ich schon genug für den Tag mit anderen interagiert und zog an weiteren Wander*innen flink vorbei bzw. verabschiedete mich bald nach einem kurzen Plausch, wenn ich angesprochen wurde.

Wie war das nochmal mit der positiveren Einstellung?

Rau

Gefühlt jeden Morgen konnte ich die Atlantik, grau unter dem bedeckten Himmel, wuchtig gegen die Küste brechen sehen. Ich dachte mir, dass die Atlanktik vielleicht ein Morgenmuffel wäre. Vielleicht war ich gerade der Morgenmuffel?

Nach dem Vormittag, der ein bisschen „für die Tonne“ war, habe ich im Campingplatz in Rio Alto für die Mittagspause angehalten. Auch da fand ich es öde: eine politische Veranstaltung war in Vorbereitung vor Ort; ich wurde also von einem Sicherheitsdienst begrüßt; es war nichts los im Restaurant; und das Essen war zwar „viel und warm“ aber grau (!) und der überbackene Käse auf meiner Pampe sah nicht ganz so frisch aus… Hurra! Was für einen Tag soweit! 😀

Zum Glück war es danach wieder schöner. Wobei ich kurz vor der Ankunft in meiner Wunschherberge mit großem Schreck feststellte, dass ich meine Mütze unterwegs verloren hatte. Es durfte aber nicht so lange her gewesen sein, denn ich konnte mich erinnern, sie erst kürzlich an meinen Rucksack „fest“gemacht zu haben. Es war im Waldstück, den ich gerade erst verlassen hatte. Ich fragte mit Händen und Füßen zunächst einen Jugendlichen, der gerade den Weg hinter mir gegangen war. Entweder verstand er mich nicht oder er hatte nichts gesehen, jedenfalls lief er dann weiter. Ich brauchte meine Mütze dringend und kehrte um. Als ich mich kurz darauf umdrehte, sah ich, wie ein Anwohner mit dem Jugendlichen sprach. Es sah so aus, als ob besagter Anwohner sich um mich sorgen würde, weil ich plötzlich in die verkehrte Richtung lief und er sich beim Jugendlichen erkundigen würde, ob er wüsste, was mit mir wäre.

Tatsächlich hatte ich meine Mütze erst vor kurzem fallen lassen und war überglücklich darüber, sie gleich wiederfinden zu können. Als ich zurück am Ortseingang war, stand der Anwohner noch auf der Straße und schaute besorgt in meine Richtung. Er hatte tatsächlich auf meine Rückkehr gewartet, um sicher zu stellen, dass ich mich nicht verlief. Unfassbar, diese Portugiesen. Unfassbar nett.

Berichten zufolge war auf der Feier nix los. Außer Krach.

Nach 26km war er kurz-vor-knapp, um ein Bett in der Pilgerherberge zu bekommen, aber es klappte dennoch. In der Nacht würden wir alle große Schwierigkeiten haben, einzuschlafen, weil ein Volksfest mit Live-Musik, Tanz und Feuerwerk im Ort bis spät in der Nacht noch rauschen würde. Und weil der Schlafsaal und seine vielen Betten sowieso sehr laut waren.

Beim Aufbrechen von dieser Herberge am nächsten Morgen würde ich jemandem begegnen, der mir sowas wie „meinen Camino-Moment“ bescheren würde.

Hier geht es damit weiter.

Camino 1, Tag 5

Am Vorabend hatte sich der Campingplatz in Angeiras nach meinem Sprung ins Schwimmbad von etlichen Mitpilger*innen gut gefüllt. Und am nächsten Morgen traf ich auf viele unterwegs. Mich überkam langsam Angst, dass ich für die Nacht kein Bett mehr finden würde. Zumal hatte ich von anderen schon gehört, dass in der letzten Pilgerherberge nicht alle unterkommen konnten, die unterkommen wollten.
Es war ein seltsames Gefühl, den anderen Wander*innen ehrlich einen „guten Weg“ zu wünschen und sie gleichzeitig mit dem Gedanken zu überholen, dass ich meine Chance auf eine günstige Unterkunft damit erhöhte, wenn ich schneller als sie bleiben würde. Es war kein schöner Gedanke.

Dagegen kämpfte ich unter anderem damit, dass ich eine Meditationspause einlegte. Am Wikingerdorf von S. Paio setzte ich mich auf den Fels mit dem Körper zum Meer gewendet und bemühte mich, mich zu entspannen. Es ging gut. In dem Moment zumindest.

Das Rauschen des Meeres wirkt bei mir immer beruhigend.

Als es Richtung Mittagspause anstieß, lief ich gerade in Vila do Conde rein, was ein mögliches Etappenende für mich hätte werden können. Ich wollte aber weiter und suchte mir zunächst eine Gaststätte, um essenstechnisch erstmal ordentlich reinzuhauen.
Ich fand ein hübsches Restaurant mit attraktivem Tagesmenü, das gleich aufmachen würde. Der Wirt war extrem freundlich und versuchte mir nach Nachfrage den Unterschied zwischen dem spanischen „¡Hola!“ und dem portugiesischen „Olá!“ zu verdeutlichen, denn ich sprach offensichtlich Letzteres wie Ersteres aus, und das wollte ich nicht!

Nach dem Essen entschied ich mich, meinen Schlafplatz gleich zu sichern: dieser Stress damit wurde mir zu albern und ich buchte also ein Bett in einem Hostel, was in meinem Pilgerführer empfohlen wurde. Ich konnte erst danach entspannt weiterlaufen. Das mit der Zuversicht musste ich wohl noch üben!

Vor dem Hostel in Póvoa da Varzim standen schon ein halbes Dutzend italienische Radpilger ratlos vorm Eingang. Ich erklärte, dass ich sowieso beim Hostel anrufen sollte, um hereingelassen zu werden, und könnte für sie gleich mal fragen, ob es noch Betten gäbe. Mit diesem Anruf wurde das Hostel also voll. Glück gehabt!

Es handelte sich um eine Männergruppe und der Schlafsaal hatte auch genau 6 Betten zu bieten. Mir wurde angeboten, meine Reservierung für eins dieser Betten in eine Übernachtung im Doppelzimmer mit einer anderen Frau ohne Aufpreis umzuwandeln. Na bitte.

Nachmittags hatte ich noch viel Zeit zum Bummeln und habe meine ersten Postkarten geschrieben. In einer Strandbar. Bei Galão, Küchlein und zum Schluss einem weinhaltigen Getränk. Bis zum Sonnenuntergang. Leben ist hart.

Hach.

Das Zimmer im Hostel war sehr klein aber hübsch und ich war die Erste vor Ort, so dass ich mir das Bett aussuchen konnte. Leider fand ich es stressig, das Zimmer mit meiner Mitbewohnerin für die Nacht zu teilen: sie konnte kaum eine Fremsprache und obwohl ihre Muttersprache Portugiesisch war, schien sie nicht verstanden zu haben, wie alles im Hostel funktionierte. Zum Beispiel hatte sie nicht verstanden, wie sie einchecken sollte. Hatte also keinen Schlüssel und wollte abends noch weggehen, während ich so früh wie möglich schlafen gehen wollte. Ich fühlte mich genötigt, ihr anbieten zu müssen, dass sie mich anrief, damit ich sie später ins Hostel wieder hereinlassen konnte.
Bis ihrer Rückkehr habe ich nicht schlafen können. Ich war sauer.

So ein richtiges Bett hat aber auch was.

Lauter negative Gedanken an dem Tag gehabt, eben. Nicht nur solche, aber gefühlt zu viele davon. Zum Glück würde sich meine Einstellung mit der Zeit ins Positive wandeln.

Ich stellte übrigens an dem Tag bereits fest, dass ich mit meiner Ausrüstung sehr zufrieden war. Es trug sich alles wunderbar und ich hatte vermutlich wirklich alles da, was ich brauchte. Ich war gespannt, wie sich manches noch machen würde, was ich noch nie benutzt hatte. Insbesondere die Regensachen.

Am nächsten Tag lief ich bis nach Marinhas 26km, wo ich deutlich positiver auf meine Mitmenschen eingehen konnte. Dazu mehr hier.

Camino 1, Tag 4

Eigentlich hätte ich Porto am Vortag verlassen wollen. Ich war ja da, um zu laufen, nicht um eine Stadt zu besichtigen. Im Endeffekt war ich jedoch froh, noch eine Nacht vor Ort geblieben zu sein. Die erste Etappe auf dem Camino Portugués da Costa ab Porto war über 20km lang, und wenn ich erstmal von meiner Pampa-Bleibe in die Stadt hätte kommen sollen, wäre es eine unzumutbare Gesamtstrecke gewesen.

Die ersten 3-4 Tage des Jakobswegs wären „die Schlimmsten“ und man dürfte sich am ersten Tag höchstens 10-15km, am Zweiten höchstens 15-20km und am Dritten höchstens 20-25km vornehmen, um sich einzulaufen. Dann dürften Tagesetappen etwas länger werden.

Alle erfahrenen Piger*innen

Ich hatte am Vortag bereits 22km hinter mich gebracht und für diesen ersten offiziellen Wanderungstag ungefähr das Gleiche vor. Tja. Ich erklärte mich prompt als „bereits eingelaufen“ und hoffte, dass ich und meine Füße heil zur nächsten Unterkunft ankommen würden. Ich verließ die Pilgerherberge, ging ins nächste Café für mein erstes Frühstück dieses Caminos und nahm erstmal die U-Bahn. Ich wollte zum Punkt des offiziellen Jakobswegs zurückzukommen, an dem ich ihn bei meinem Stadtspaziergang zuvor verlassen hatte. Ich stieg Casa da Música aus der U-Bahn aus. Und VERLIEF MICH SCHON WIEDER. Irgendwie wollte mich dieser Ort festhalten. Bzw. wollte ich ihn anscheinend nicht wirklich verlassen! X-)

Entlang der historischen Tramstrecke ging es raus aus der Stadt.

Wieder auf dem Jakobsweg angelangt gab es ununterbrochen Pilger*innen vor und hinter mir. Mal in Sichtweite, mal nur so weit, dass ich bloss kurz anhalten musste, um die nächste Person hinter mir zu sehen. Den ganzen Vormittag haben wir uns mal fröhlich mal angestrengt gegenseitig „Bom Caminho“ gewünscht. Was an sich sehr unheimlich war. Aber am erstaunlichsten war, wie stets herzlich die Portugiesen ebenfalls Glückwünsche ausgesprachen. Ob sie alle fünf Minuten Pilger*innen so anfeuerten?! Verrückt. Und schön.

Es ergab sich so eine Aufbruchstimmung, die von Zuversicht und Entspannung geprägt war. Ich kannte „Aufbruchstimmung“ nur mit mindestens einer gewissen Spannung, wenn nicht gleich auch noch Angst dazu. Hier war nichts von Letzterem zu spüren. So schön kann also „Gehen“ sein. Erstaunlich.

In Leça de Palmeira war die Atlantik so wuchtig, dass der ganze Steg zum Leuchtturm gesperrt war.

Es waren meine ersten von ca. 110 Kilometern direkt an der Atlantik lang. Links von mir beeindruckende Wellen und eine unergründliche Weite, rechts Portugal und sein zuvorkommendes, aufmerksames Volk. Mal wurde mir dieser Weg doch etwas eintönig und wenn er an hässlichen riesigen industriellen Anlagen vorbeilief, bereute ich es ein bisschen, den Weg an der Küste und nicht durchs Landesinnere ausgewählt zu haben. Aber Langeweile sollte auch dazu gehören. Und die Atlantik IST NICHT LANGWEILIG. Ich würde mich also bemühen, jeden Tag aufs Neue zu erkennen, dass die Küste sich mir ähnlich aber nicht gleich darbot.

In Matosinhos ergatterte ich den zweiten Stempel auf meinen Pilgerausweis in einem Café am Wegrand. Bzw. ich wurde praktisch vom Wirt zu diesem Zweck hineingerufen. Sehr nett. Unterwegs in Matosinhos bzw. Leça de Palmeira plauderte ich unter anderem mit Pilger*innen, mit denen ich durch den Hafen lief. Und entschied mich, gleich mal das Mittagessen zu mir zu nehmen, denn die Grillhäuser mit Fisch und Gemüse waren für mich praktisch unwiderstehlich. Was gab es denn zu essen? Na, gegrillte Sardinen und Bratpaprika natürlich!!! Die Sardinen waren so frisch, sie waren nicht mal ausgenommen. Nom nom nom…

Und später auf der Wanderung gab es welche sogar im „Pilgermenü“!

(Ja, unsere Meere sind eigentlich praktisch schon leer gefischt worden und ich meide deswegen sonst den Konsum von Fisch. Aber ich hatte seit Jahren keine Sardinen mehr gehabt, und dachte, ich würde jetzt mal eine Ausnahme machen. Ich habe mit großem Genuss und großer Dankbarkeit gegessen. )

An dem Tag stellte ich zum ersten Mal fest, dass „der Weg Dir tatsächlich das gibt, was Du brauchst“: nach einigen Stunden hatte ich mein Wasser ausgetrunken und fand kurz darauf tatsächlich eine Fontäne, so dass ich „tanken“ konnte. Auf dem weiteren Weg bis zur Unterkunft gab es gefühlt alle fünfzig Meter eine solche Fontäne!

Viele Kilometer auf Holzbrücken durch Naturschutzgebiete

Ich wollte abends meine Füße noch im Meer baden, dringender brauchte ich jedoch ein Bett für die Nacht und die Wellen krachten von einer solch bedrohlichen Höhe auf die Strände herunter, es wäre zu gefährlich gewesen, baden zu gehen. Ich checkte also zum Pilgerpreis in den Campingplatz in Angeiras ein und gab nach dem Duschen meinem Bikini im Freibad seine „Camino-Taufe“. Es war ganz schön kühl. Ich war auch die Einzige im Wasser. Und das war super schön.

Der Weg gibt dir nicht das, was du willst, sondern das, was du brauchst.

Pilgerspruch

Ich teilte einen Bungalow mit einer Deutschen, mit der ich mich sehr schön unterhielt. Sie war schonmal von Le Puy, Frankreich, den Camino Francés gelaufen. Mit Fußproblemen. Und hatte es nach Santiago de Compostela, Spanien, geschafft. Sie hätte die 710km von Le Puy nach Saint-Jean-Pied-de-Port gebraucht, um sich einzulaufen. Alter, da war ich ganz schön ehrfürchtig auf einmal. Und gleichzeitig ermuntert: auch sie hatte Fußprobleme und war „trotzdem“ viel länger und intensiver gelaufen, als ich jetzt vorhatte. Ich würde es also bestimmt packen.

Übrigens: Ich konnte es nun mit Sicherheit sagen, ich reagierte allergisch gegen meinen Merinowolle-Schlafanzug. [EDIT: Es war vermutlich eher gegen Chemikalien, die beim Kauf noch dran hingen, denn nach dem Waschen nach dem Camino hatte ich kein Problem mehr mit dem Teil.] Konnte aber sehr schnell und einfach Allergietabletten besorgen; Apotheken gab es überall. Immerhin!

Am nächsten Tag ging es zum tollen Strandurlaubsort Póvoa da Varzim weiter; meine Mitbewohnerin für die Nacht würde ihrerseits den Weg durchs Landesinnere nehmen. Darüber gibt es hier was zu lesen.

Camino 1, Tag 3

„Auf der Stelle treten“



Nach dem fehlgeschlagenen Versuch am Vortag, vom Haus-in-der-Pampa zu Fuss zum Bahnhof zu laufen, wusste ich, dass ich mich nicht mehr verlaufen würde. Ich bin also in voller „Pilger*innenmontur“ und guter Dinge von meiner Bleibe losgelaufen. Ich benutzte zum allerersten Mal Wanderstöcke und schon auf dieser Strecke erwiesen sie sich als sehr hilfreich. Es fühlte sich so an, als ob ich nun wirklich auf dem Weg unterwegs war. Ich hätte aber nicht gedacht, dass meine Tagestour tatsächlich so lang wie eine Jakobswegetappe werden sollte.

Diese Bäume überall… aber was für welche?!

Nicht, dass ich mich schon wieder verlaufen hätte. Das ging dieses Mal glatt. Aber die Pilgerherberge in Porto, die ich ins Auge gefasst hatte, hatte keinen Platz mehr für mich, bis ich sie erreicht hatte. Die Dame am Empfang war so freundlich und rief die nächstgelegene Herberge an. Auch schon voll. Es blieb nur noch eine Herberge in Reichweite, die aber etwas weiter weg war. In ganz Porto gibt es eben lediglich drei Pilgerherbergen, obwohl etliche Leute ihre Wanderung nach Santiago de Compostela hier starten!? Hotels und Pensionen wären auch noch Ausweichmöglichkeiten, ich wollte aber nicht so viel Geld ausgeben und vor allem: ich wollte mit dem Pilgerlebenstil gleich mal vertraut werden.
In der dritten Herberge gäbe es noch Betten. Ich bedankte mich für die Hilfe und lief weiter in Richtung U-Bahn. Zur Casa da Música musste ich. Grosse Umsteigestation an einem grossen auffälligen Gebäude, „müsste ich auch ohne Navi finden“.

Ihr wisst schon, was jetzt kommt, nicht wahr?

Ich musste vielmals nach dem Weg dahin fragen; bin ZWEIMAL um besagtes Casa da Música-Gebäude bzw. -Gelände gelaufen, und habe keinen U-Bahnhof gesehen. Ich fragte noch einmal Passanten: „Ach ja, die Station ist schwer zu finden. Wir laufen aber auch hin.“ Ich konnte zum Glück dieses freundliche Paar, das relativ frisch aus Brasilien nach Porto gezogen war, einfach bis zur U-Bahn folgen. Hurra, die U-Bahn ist da!

Die Herberge lag bei Senhora da Hora. An besagter Station fragte ich lieber gleich nach der richtigen Straße, statt sie ewig zu suchen. Es brauchte schon wieder mehrere Anwesenden, um mich richtig zu lotsen. Das Ziel nahte sich aber, ich spürte es!!!

Die Vorfreude bzw. meine Ungeduld ließ mich aber zu früh anhalten. Ich klingelte an einem größeren Vereinsgebäude, was eine plausible Pilgerherberge abgeben würde, es passierte aber nichts. Bzw. ich sah in der Ferne jemanden mir zuwinken, bzw. der mir mit großen Gesten zum Verstehen gab, dass ich noch weiterlaufen sollte. Die Person kannte ich nicht, aber aufgrund meiner Ausrüstung war es wohl offentsichtlich, wonach ich gerade suchte. Und zwar nicht das Gebäude, wovor ich gerade ratlos stand.

Ich lief weiter, fand die Herberge, ein Bett, und erhielt meinen allerersten Stempel auf meinen „Pilgerausweis“, la Credencial, sogar mit handgemalter Zeichnung. Dort war ich die erste übernachtende Frau und hatte die Frauendusche also ganz für mich alleine. Und: es gab heißes Wasser, was anscheinend nicht immer selbstverständlich wäre. Ich fühlte mich nun richtig „gesegnet“.

So sah es in einer Pilgerherberge ungefähr aus.

Bis ich geduscht, meine Tageswäsche gewaschen, aufgehangen und meinen Schlafplatz ein bisschen eingerichtet hatte, waren viele andere Pilger*innen angekommen.

In der Küche traf ich drei. Einen Holländer, der vor der Heimreise stand, nachdem er mit dem Rad gepilgert war, eine augenscheinlich sehr fröhliche bzw. zumindest offensichtlich sehr aufgeregte Rumänin, die sich gerade Abendbrot machte und am nächsten Tag auch mit ihrem ersten Jakobsweg starten sollte, sowie eine blutjunge Dänin, die auch hungrig war und mit mir in die Stadt für das Abendessen fahren wollte. Wir aßen ein üppiges Abendessen in einem Lokal, das nicht von Touristen überfallen wurde. Die Bedienung war ausgesprochen freundlich. Das Gespräch sehr nett. Wir wollten uns anschließend einen Portwein gönnen und ich nahm sie zum Flussufer mit, wo ich am Vortag viele schönen Läden gesehen hatte. Wir konnten also den Sonnenuntergang über die Altstadt auf einer wunderschönen Terrasse über dem Fluss bei einem feinen Portwein geniessen. Das war wunderbar.

Tchim-tchim!

Laut meines GPS-Trackers bin ich an dem Tag 17km bis zum Check-in in der Herberge und 22km insgesamt gelaufen. Ohne das Gefühl gehabt zu haben, wirklich gewandert zu sein. Dafür merkte mein Körper schon, dass das doch einen langen, umständlichen – und teilweise ganz schön steilen – Weg war. Ein gutes Training für die ähnlich lange erste richtige Etappe am nächsten Tag, dachte ich dann. Immerhin.

Ob ich im Schlafsaal, der bereits nach Stall roch, mit 20 Betten gut schlafen würde, war ich gespannt. Am nächsten Tag sollte es Richtung Spanien gehen, und schon wegen der Aufregung durfte ich also nicht allzu viel erholsamen Schlaf erwarten.

Dazu mehr hier.

Camino 1, Tag 2

Nach der ersten Nacht in Portugal in meinem brandneuen Merinowolle-Schlafanzug stellte ich fest, dass ich anscheinend gegen Merinowolle allergisch wäre. Toll. Ich hatte voll auf diesen Wunderstoff für kältere Umgebungen gesetzt. Oder vielleicht war was im Haus bzw. Zimmer, in dem ich übernachtete? Ich würde ermitteln…

Als Übung für den eigentlichen Camino-Start wollte ich an dem Tag etwas mehr als üblich laufen. Vom Haus zum Bahnhof würde ich ca. 45-60 Minuten zu Fuss brauchen; das klang sehr gut. Meine größte Herausforderung: ich hatte kein Navi, (weil) kein Smartphone. Ich würde mich also mit der ausgedruckten, groben Umgebungskarte, die ich hatte, in der Pampa zurechtfinden müssen. Und darum ging es mir auch: den Weg mal eben so zu finden. In dem Sinne…

Ich habe mich verlaufen.

Mir wurde bewusst, dass ich gerade nicht mehr in die richtige Richtung lief, und ich suchte also irgendwie Hilfe in der kleinen Ortschaft, die ich eigentlich nicht weiter durchqueren sollte. Ein Anwohner hatte draußen in seinem Garten zu Mittag gegessen und wollte gerade mit Teller und Besteck zurück ins Haus gehen, als ich ihn ansprach. Er konnte wenig Englisch und ich kein Portugiesisch. Jedoch habe ich ihm zeigen können, wo ich hinwollte, und gefragt, ob ich gerade richtig lief. Er bestätigte, dass ich mich vom (kürzeren) Weg entfernte. Er war schockiert, dass ich so weit laufen wollte. Ich beruhigte ihn, wie ich konnte, versicherte ihm, dass ich viel Zeit hätte, bedankte mich und ging zurück in die richtige Richtung.

Nach 5 Minuten auf dem „richtigen“ Weg kam ein Auto vorbei, das auch prompt anhielt. Das war der Anwohner von vorhin! Ich tat ihm so leid, dass er sich entschieden hatte, mich einfach zum Bahnhof zu fahren.

Es war das erste Mal, dass ich erlebte, wie unglaublich freundlich und zuvorkommend Portugiesen sind.

Kein Bock auf Sightseeing

In Porto angekommen stellte ich fest, dass ich wirklich keine Lust auf Sightseeing hatte. Ich wollte in die Natur mit möglichst wenig Menschen um mich herum aufbrechen. Ich wollte keine Gebäuden anschauen, durch Menschenmassen meinen Weg nicht bahnen müssen, nichts kaufen, keine Bilder schießen. Nur laufen.

Ich bin also viel herumgelaufen. Und Porto ist wirklich wunderschön; ich war trotz fehlender Motivation, mich auf die Stadt einzulassen, doch begeistert.

Na gut. Porto kann man sich schon angucken.

Davor hatte ich vergeblich nach der Markthalle gesucht, in der ich mir ein schönes Mittagessen vorgestellt hatte: An der Stelle war bloss eine riesige Baustelle. Dafür konnte ich ein paar Spezialitäten in einem Restaurant in der Nähe entdecken: zum Beispiel die Francesinha, eine Art Croque-Monsieur mit Fleisch & Wurst, mit Käse überbacken und in scharfer roter Soße schwimmend. Es schmeckt wirklich so, wie es klingt. Wenn man viel gelaufen, sehr hungrig ist und nicht unbedingt vegetarisch essen möchte, ist das irgendwie befriedigend. Ob ich das nochmal essen würde? Weiß ich allerdings nicht.
Dazu trank ich einen frischen Vinho Verde, der mich ganz schön „anheiterte“. Als ziemliches Kateressen konnte meine Francesinha also vorbeugend wirken.

Ich glaube, ab dem Tag habe ich auf dem Camino täglich Alkohol getrunken. Sei es nur ein Glas, aber JEDEN TAG. Upsi.

Zurück im Haus-in-der-Pampa plauderte ich abends mit der Hausherrin. Über ihre Kunst und ihr zurückgezogenes Leben auf dem recht großen und recht schönen Gelände. Auch darüber, dass auf dem Gelände noch viel Platz für Gleichgesinnte wäre… Es erinnerte mich daran, dass ich ein paar Erstentwürfe für Bücher hatte. Hier würde ich wahrscheinlich gut schreiben können. Wenn diese kontaktfreudigen Wachhundinnen allerdings nicht ständig im Weg wären.

„Bis dahin schreibe ich erstmal in mein Tagebuch rein.“

Ich war davon genervt, ständig von ihnen gefolgt, abgeschleckt, angeknabbert, angebellt und herumgeschubst zu werden, sobald ich vor Ort war. Am nächsten Morgen habe ich meine Sachen gepackt, mich für die Gastfreundschaft bedankt und habe das Haus verlassen.

An besagtem nächsten Tag ging es zu meiner ersten Pilgerherberge.

Camino 1, Tag 1

„Hinkommen“

„Wir haben das schlechteste Café Portos gefunden!“

— Meine erste „bestätigte“ Mitpilgerin.

So. Hier ist es. Mein erster Blogeintrag zu meiner ersten Wanderung auf dem Camino Portugués, dem Jakobsweg aus Portugal aus. Bzw. das ist mein erster Nachtrag. Ich habe vor knapp 2 Wochen diese Wanderung beendet. Mein Körper befindet sich wieder im vertrauten und nun jedoch befremdlichen Großstadtumfeld. Meine Seele dagegen ist wohl noch zu Fuss unterwegs und kommt irgendwann nach. Ich bin nicht ganz da. Oder ist es einfach so, dass das alte Ich einfach nicht mehr zurückkommen wird und ich muss mich eben als leicht anderer Mensch wieder einleben?
Es fühlt sich sogar so an, als ob ich das alles geträumt hätte. Ich habe zwar „Beweismaterial“ in Form von Bildern, Videos und Mitbringseln und tausche mich mit Wegbegleiter*innen aus, jedoch ist es kaum zu fassen. Der Kontrast zwischen dann/dort und jetzt/hier ist zu krass. Ich habe keine Lust auf dieses Hier-und-Jetzt. Ich will zurück. Oder weg. Oder fort. Das macht mich alles sehr perplex…

Was ist überhaupt mein Weg gewesen? Ich bin nach Porto, Portugal, geflogen, um von dort aus zum Wallfahrtsort Santiago de Compostela, Spanien, teilweise über die Atlantikküste zu laufen. Optional noch weiter, wenn ich dann noch Zeit und Lust haben und fit genug sein sollte. Es waren ca. 260km nach Santiago, und es wurden noch weitere 90km nach Muxia über das Kap Finisterre. Eigentlich mehr. Denn mit Umwegen und etwas Bummeln bin ich insgesamt innerhalb von 4 Wochen mehr als 460km gelaufen.

Ganz gemütlich. Also, „gemütlich“. Habe mir Zeit gelassen. Und der richtige Wanderungsstartschuss war eben erst nach ein paar Tagen „Sightseeing“ in Porto. Wobei ich im ländlichen Umland von Porto unterkommen sollte: Freunde von einem Bekannten hätten ein tolles Haus und ich „sollte mich mit der Hausbesitzerin wunderbar verstehen“. Na denn…

„Heimat“ -> Porto

Porto also

Schon beim Check-in in meiner Heimatstadt habe ich Mitpilger*innen erkannt. Ähnliche Ausrüstung, ähnliches Gepäck. Und ähnliche ernste Miene: wir hatten uns jetzt ganz schön was vorgenommen. Und wir hatten uns es sicherlich alle drei deswegen vorgenommen, weil wir größere Brocken zu verarbeiten hatten. Zumindest projizierte ich einfach mal so meine Intention auf sie. Und fragte mich, ob wir uns unterwegs nochmal und wenn ja wie oft begegnen würden.

Die beiden habe ich nie wiedergesehen.

Auch in Porto gelandet gesellte sich eine weitere Pilgerin zu mir auf die Sitzbank an der Flughafen-U-Bahn-Station. Sie war mit dem Wandern gerade fertig und kam nach Porto zurück, um sich die Stadt vor der Heimreise noch anzugucken. Ich hatte es andersherum geplant: zuerst Porto besichtigen und dann einfach laufen.

Wir hatten beide Hunger und machten uns auf die Suche nach einem Supermarkt. Vor dem Einkaufszentrum gab es ein Café, was Kleinigkeiten zu essen anbot. Wir setzten uns erstmal hin. Es folgte eine wunderliche Zeit mit teilweise absolut überforderter, teilweise spottlustiger Bewirtung und ganz schlechtem Essen. „Wir haben das schlechteste Café Portos gleich gefunden!“ Stark. Wir gingen danach etwas Proviant besorgen und verabschiedeten wir uns. „Bon Camino!“ wünschte sie mir. Und ich so: „Gute Heimreise!“. Sie hatte kein Bock.

Ich verstehe sie sehr gut.

Da fehlt doch was… (Nicht mein Rucksack übrigens)

Von Porto aus nahm ich einen Zug ins Umland, dann ein Taxi weiter in die Pampa. Über Schuttpisten mit riesigen mit Regenwasser befüllten Schlaglöchern kam ich zu den Freunden meines Bekannten. Nachdem ich von der Hausherrin sowie ihren 3 großen Hundinnen super freundlich und enthusiastisch in Empfang genommen wurde, stellte ich fest, dass ich eine von meinen zwei Unterhosen für den Weg nicht eingepackt hatte. Also, ich hatte praktisch nur die eine Unterhose dabei, die ich gerade trug. Gut, dass ich meinen Bikini im Gepäck hatte. Die Bikini-Hose würde bestimmt eine gute Zweitunterhose… Wurde sie. 🙂

Hier geht es zum 2. Tag weiter.

Hallo.

Mein Name ist erstmal egal. Meine Erfahrungen und Erlebnisse auf meinen Wanderungen dagegen, nicht. Darum dachte ich, ich teile manches davon mit der Welt. Vielleicht stoße ich damit auf offene Ohren.

In diesem Beitrag möchte ich ein wenig über mich erzählen. Meine bisherige Lebenserfahrung und Identität nehme ich teilweise immer im Gepäck mit; sie färben meine Wahrnehmung und meinen Umgang mit der Welt.
Zunächst möchte ich kurz erläutern, worüber ich schreiben möchte und warum ich darüber schreiben möchte.

Am Anfang war die Intention.

Warum schreibe ich hier? Andere haben es auf den Punkt gebracht:

  • „Das Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.“
    Albert Schweitzer
  • „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“
    Volksmund
  • „Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“
    Grethe Weiser

Außerdem: Viele können sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht selbst auf den Weg machen. Grundsätzlich oder gerade nicht. Mit diesem Reise-Blog kann ich Euch ein Stück weit jedoch mit auf die Reise nehmen.

Was ich mit Euch teilen möchte:

  • Mich hat es sehr inspiriert, von anderen zu hören, wie sie gereist sind und was überhaupt möglich ist. Ich möchte also erzählen, wie ich welche Wanderungen für mich möglich gemacht habe.
  • Schöne Fotos von bereisten Ort- und Landschaften gibt es bereits im Web, ich halte hier eher Gedanken und Gefühle fest. Auch Lektionen.
    Außerdem sehen meine selbst geschossenen Bilder schlimm aus.
  • Vielleicht ergeben sich durch diesen Austausch schöne Begegnungen und hilfreiche Anregungen für den jeweils eigenen Weg. Ich bin gespannt auf die Resonanz meiner Beiträge.
  • Wenn ich merken sollte, dass Ihr Euch noch mehr von mir wünschen würdet, wäre es Ansporn für mich, mehr über meine Wanderschaften und deren Lehren mit Euch zu teilen. Vielleicht schreibe ich sogar dieses Buch, was in mir entsteht…

So. Ich habe immer noch kaum was über mich erzählt, nicht wahr? Los geht es.

Ich bin direkt nach dem Studium aus einem benachbarten europäischen Land nach Deutschland gezogen. Und bin gekommen, um zu bleiben. Wobei ich irgendwie auf der Flucht war. Aus „Familientradition“. Meine Eltern sind beide als Flüchtlinge über Kontinente hinweg geschleppt worden und als Nochkinder ins Land gelandet, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Erwachsen wurde ich jedoch „hier“. Durch Deutschland bin ich auch gezogen. Darüber hinaus bin ich sowohl privat also auch beruflich viel in Europa unterwegs gewesen. Nomadin bin ich aber nicht und fange jetzt – erst mit bald 40 Jahren – an, ein Gefühl von „zu Hause“ überhaupt zu entwickeln.
Ich weiß nicht, wie es Euch damit geht, aber ich bin gespannt auf die Weiterreise!

Mich treibt es nämlich immer wieder fort. Aktuell auch ein bisschen „zurück“. Zurück zu meinem Ursprung. Woher komme ich? Was steckt eigentlich in diesem geheimnisvollen Päkchen, das ich überall hin mitnehme und das teilweise ganz schön auf meine Schulter drückt?

Ich bin schon lange unterwegs. 15 Jahre oder so. Und jetzt möchte es gründlich machen. Auch deswegen bin ich jetzt meinen ersten Jakobsweg gelaufen. Davon erzähle ich hier gleich. Nachträglich.

Willkommen in meiner inneren Welt!

Hier geht es zum Tag 1.

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