Ich fand die letzten 20 km meiner Wanderung nach Santiago de Compostela recht nervig. Es gab zwar Wegabschnitte durch den Wald, was mir eher gefiel, aber es ging meist durch Dörfer und Ortschaften, die ich eher öde fand. Ich hatte Schwierigkeiten an dem Tag, negative Gedanken zu vertreiben. Vielleicht deswegen fand ich diese Etappe hauptsächlich nervenaufreibend. Hauptsächlich. Denn ab dem Moment, wo die berühmte Kathedrale von Santiago in Sicht war, änderte sich meine Laune schlagartig. Und es passierten „Wunder“.
Ich war auf nichts besonders schönes gefasst, denn ich bin nicht aus religiösen Gründen unterwegs gewesen; die Kathedrale an sich bedeutete mir nichts; und ich wäre außerdem sowieso noch nicht am Ziel meines Caminos gewesen, denn ich wollte noch weiterlaufen. Aber ich merkte, dass sich plötzlich etwas in mir regte, als ich auf die Stadt zuging und meinte, die Kathedrale in der Ferne zu erkennen.
Und es passierten zwei Sachen, die mir zu bester Laune verholfen:
Zum einen traf ich kurz vor Santiago auf den Bulgaren wieder, der bei unserem Kennenlerngespräch noch nicht wusste, ob er nicht abbrechen müsste, denn ihm ging es nicht gut. Offensichtlich hatte er sich erholt und war nun bald am Ziel! Das freute mich sehr. Wir liefen dann mit etwas Abstand zueinander in Richtung Stadt und ich sah ihn und seine Wegbegleitung der Stunde auf dem Weg zur Kathedrale immer wieder.
Zum anderen passierte etwas für mich sagenhaftes. Etwas, wovon Jakobswegberichte erzählen und die für mich eher als unwahrscheinlich erschienen:
Wenige hundert Meter vor meiner Ankunft an der Kathedrale nahm ich eine von mir mittlerweile sehr bekannte Silhouette von hinten wahr: „mein deutscher Mitpilger“ lief gerade auch rein! Es war für ihn auch unglaublich, mich nach Tagen plötzlich dort wiederzusehen. Direkt vor dem rührenden Moment, wo die Wege von so vielen Menschen auf einmal zusammengeführt werden und in den Vorplatz von der Kathedrale von Santiago de Compostela münden. Die Stimmung unter uns war großartig.
Und es ging weiter, denn auf besagtem Vorplatz erwarteten uns noch weitere bekannten Gesichter. Man kannte es aus Dokumentationen darüber aber es war wirklich etwas besonderes, sich so wiederzusehen und gegenseitig in die Armen fallen lassen zu können.
Unter anderem war „meine deutsche Mitpilgerin“ , also die Wegbegleiterin des „deutschen Mitpilgers“, auch da. Sie hatte sich erholt von der Erkrankung, die sie zum Abbruch geführt hatte. Sie freute sich, dass wir es bis Santiago geschafft hatten und sie so „am Ziel“ wiedersehen konnten. Sie war schon seit drei Tagen vor Ort.
Diejenigen in unserer kleinen Gruppe für den Tag, die es geschafft hatten, den Weg bis zum Schluss zu Fuss zu laufen, gingen zum Pilgerbüro, um sich ihr entsprechendes Zertifikat, die Compostela, zu holen. Also besser gesagt: um sich eine Wartenummer zu ziehen, um eine Compostela irgendwann holen zu können. Mir war die Chose zu merkwürdig und in Santiago war sowieso nicht das Ende meiner Wanderung, darum wollte ich auch nicht auf solches „Zeugnis“ warten. Meine Wartenummer verschenkte ich, so dass jemand anders sich kurz vor Ladenschluss seine Compostela holen konnte. In Kap Finisterre würde ich mir wahrscheinlich so ein Zertifikat holen wollen.
In Santiago blieb ich zwei Nächte. Im Einzelzimmer mit eigenem Bad im Hotel. Yay!
Es tat gut, mal durchzuschnaufen und ein bisschen durch diese nette Stadt zu bummeln. Ich schrieb in den zwei Tagen gefühlt 100 Postkarten. Ich aß eine Jakobsmuschel. Zweimal Paëlla. Churros. Take-Away-Pizza. Ich ging in ein Internet-Café und druckte Wegbeschreibungen für meine anstehenden letzten Etappen zwischen dem Kap Finisterre und Muxía, denn sie standen nicht mehr in meinem Pilgerführer (und ich hatte kein Smartphone dabei). Ich stellte fest, dass ich das Passwort für mein Email-Postfach nicht mehr im Kopf hatte und somit keinen Zugang zu meinen Emails hatte. Abschalten hatte wohl so sehr gut geklappt!
Am übernächsten Tag ging es also für mich weiter bzw. wieder in Richtung Atlantik. Ich war wirklich dankbar dafür, dass ich in der körperlichen Verfassung war und Zeit dafür hatte, noch weiterzulaufen. Es wurde noch wirklich wunderbar.
Hier geht es zum ersten Tag meines Caminos a Fisterra.
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