Camino 2, Tag 1

Nach zwei Nächten in Santiago de Compostela hatte ich Abschied von meinem ersten Jakobsweg und meinen Wegbegleiter*innen genommen. Nach einer (wegen Straßen- bzw. Konzertlärm) etwas unruhigen Nacht im Hotel machte ich mich wieder auf den Weg. Ich würde nun zurück zur Atlantik bis zum Kap Finisterre laufen. Vermutlich würde ich diesen Camino a Fisterra mit einer anschließenden Wanderung nach Muxía verlängern. Es sollten 90 km zum Kap und weitere 30 km von dort aus nach Muxía werden.

Am ersten Tag dieses zweiten Wegs war sehr viel los beim Start. Ich überholte einige Mitpilger*innen, es blieb aber weiterhin ziemlich belebt. Auch Gegenverkehr gab es: Es war eine beliebte Wanderungsvariante, zunächst nach Muxía und über das Kap Finisterre zurück nach Santiago zu laufen. Ich stellte mir vor, was für Eindrücke diese Menschen insgesamt gesammelt und welche Geschichten sie zu erzählen hatten, die uns unterwegs entgegenkamen.

Viel Wald unterwegs.

An dem Tag ging es häufig durch den Wald. Wer mich bereits gelesen hat, weiß, dass das mir sehr recht war. Ein flotter Mitpilger sprach mich sehr enthusiastisch an, als er mich aufholte. Er hätte was vom Boden aufgehoben, was ein Geschenk an Pilger*innen aus einem ganz besonderen Ort wäre. Der*die Besitzer*in müsste es vermissen. Ich hatte etwas Sorge, dass das ein Flirtversuch war, weil es sich so angefühlt hatte und es hätte eine Masche sein können, aber zum Glück ging er bald wieder, ohne irgendwelche Hintergedanken aufzuweisen.

Meins war das nicht.

Viele Gaststätten sollte es unterwegs nicht geben und ich gönnte mir „sicherheitshalber“ ein deftiges Tortilla-Frühstück. Es kam der schnelle Wanderer bald auch herein. Ich freute mich nur halb, dann aber ganz darüber. Ich bot ihm sogar an, sich zu mir zu setzen, damit wir unser zweites Frühstück gemeinsam nahmen. Es war ein sehr nettes Gespräch. So nett, dass wir die nächsten Stunden zusammenliefen.

Wir hielten zum Mittag auch zusammen in einem Restaurant an, das Veganes im Tagesmenü hatte. Ich hatte gehofft, dass ich endlich mal keine Tierprodukte zu Mittag zu mir nehmen würde. Die Vorsuppe war aber doch nicht vegetarisch. Dafür war das gegrillte Gemüse als Haupspeise der Hammer. Ich meinte zur Wirtin, es wäre das tollste Mittagessen, das ich bislang auf dem Weg hatte. Es stimmte auch.

Überraschungsauto

Nach der Mittagspause ging es für mich zur nächsten Pilgerherberge in Negreira. Mein Mitpilger des Tages würde noch 7 km weiter nach Piaxe (A Pena) laufen. Er ging vor dem Abschied noch einkaufen; ich wartete draußen. Er kaufte zwei Überraschungseier und schenkte mir eins. Ich sollte ihm nach diesem Camino sagen, was drin steckte. Das machte ich dann tatsächlich nach meiner Rückkehr. Ich würde ihm ein Bild davon schicken. Er würde das Gleiche tun. Es war sehr lustig.

Als ich in der Pilgerherberge ankam, war der Empfang zwar nicht besetzt, trotzdem sah es nicht danach aus, als ob es noch freie Betten gäbe. Alles war belegt und es wimmelte von Pilger*innen. Ich wurde zum Schlafsaal ins Obergeschoss verwiesen. „Vielleicht gibt es da noch was frei.“ Ein Bett schien noch unbelegt. Ich fragte den Wanderer, der sich gerade am Nachbarbett einrichtete, ob er wüsste, ob jemand das unbelegte Bett schon in Anspruch genommen hätte. Er war sich unsicher. Er meinte, er wüsste nicht, ob das Bett reserviert wäre. Ich wusste es aber: in öffentlichen Pilgerherbergen kann man kein Bett reservieren, somit war das eben MEINS. Ich schmiss mich vor Freude auf das Bett. „Meins!“ Glück gehabt.

Derjenige, der direkt nach mir hereinkam, hatte also weniger Glück. Er würde weiter- bzw. zurücklaufen sollen: den letzten Schlafplatz hatte ich gerade ergattert.

Täglich wäscht das Pilgertier.

Nach der Dusche, der Tageswäsche, dem Dehnen und dem Tagebuchführen draußen in der Sonne sprach ich den vorsichtigen Mitpilger vom Schlafsaal an. Er wirkte so, als ob er Gesellschaft bräuchte und ich war auch nicht abgeneigt. Wir gingen dann gemeinsam einkaufen, aßen zusammen und er lud mich auf zu viele Biere ein. Abends ging er noch zu einem Konzert in die Dorfskirche. Ich ging wie immer am frühen Abend schon schlafen.

Dieser Mensch wurde ein guter Freund. Wir würden fast bis zum Schluss zusammenlaufen, was mir streckenweise zu viel wurde. Aber der Austausch mit ihm war immer lustig und interessant. Von ihm werdet Ihr also in den kommenden Tagen möglicherweise viel hören.

Hier geht es zur nächsten Tagesetappe.

Veröffentlicht von Peregrina

Unterwegsgedanken nach der Ankunft

2 Kommentare zu „Camino 2, Tag 1

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