Camino 1, Tag 15

Nicht ärgern lassen.

Nach dem vom Betreiber der Pilgerherge von Soutoxuste liebevoll eingerichteten Frühstück und dem Abschied von den anderen Wander*innen startete ich meine Tagesetappe. Hochmotiviert und mal wieder vergnügt über das für mich perfekte Wanderwetter und die vielen Waldabschnitte, hatte ich auch Lust auf ein bisschen Sightseeing in Pontevedra. Ich kam zu Mittagszeit dort an. Vorm Ortseingang saßen einige Pilger*innen, die ich kannte, auf der Terrasse eines Restaurants. Ich entschied mich, da Pause zu machen.

Die meisten hatten schon auspausiert. Und hatten krasse Schlammspuren in die Gaststätte hinterlassen. Ich schämte mich schon wieder. War das nicht naheliegend, die saubereren Ersatzschuhe, die jede*r mit sich trug, vor dem Hereinspazieren anzuziehen, da wir dreckige Schuhe von der Morgenwanderung hatten?! Ich verstand meine Mitmenschen mal wieder nicht. Und dann wunderten sich die Leute auch noch darüber, dass unsere Gastgeber*innen nicht immer begeistert wirkten, uns Wander*innen zu bedienen?

Kein Wunder, dass manche Wirt*innen Pilger*innen nicht so gerne zu Gast haben.

Rücksicht, bzw. Rücksichtslosigkeit. Ein Hit auf diesem Weg für mich.

Die meisten verabschiedeten sich bald von mir. „Mein deutscher Mitpilger“ lief zufällig wieder vorbei und begrüßte mich. Während ich an meiner riesigen Lammkeule weiterarbeitete, fragte ein Terrassennachbar, der bislang alleine saß, ob er sich zu mir gesellen durfte. Er war Bulgare und lebte auch in Deutschland. Ihm ginge es nicht so gut und er wüsste nicht, ob er weitergehen würde. Er hätte jedenfalls für die Nacht in der anhängenden Pension eingecheckt.

Irgendwie war das ein Ehrfurcht gebietender Moment für mich. Ich wurde immer dankbarer und beschwingt, dass es mir körperlich so gut ging. Und war umso glücklicher, als ich ihm beim Einlaufen in Santiago de Compostela ein paar Tage später doch noch begegnete. Er würde es doch auch schaffen!

Ich bummelte nach dem Mittagessen ein bisschen durch Pontevedra, denn ein paar Sehenswürdigkeiten wären laut Pilgerführer es wert, einen kleinen Umweg zu machen.

Es war ein netter etwas planloser Spaziergang, bei dem ich entspanntes „Sichverlaufen“ übte. Am Ende fand ich tatsächlich den Weg zum Ufer, so dass ich klare Sicht auf die Brückensituation haben sollte und den offiziellen Jakobsweg wiederfinden konnte: Ich musste die Puente Burgo überqueren. Gewusst, gemacht.

Puente Burgo in Pontevedra

Nach dem Verlassen der Stadt traf ich auf einen Mitpilger aus Italien, der in der gleichen Herberge bei Arcade übernachtet hatte. Er wirkte müde. Und traurig. Ich bemerkte seinen Ehering und wunderte mich ein bisschen über den Schal, den er die ganze Zeit trug. Ich stellte keine privaten Fragen. Ich hatte das Gefühl, dass er Widwer war. Er könnte gerade für seine verstorbene Lebensgefährtin laufen. Wie gesagt laufen viele Pilger*innen den Jakobsweg, um zu trauern.

Er brauchte jedenfalls gerade eine kleine Pause. Ich zog weiter.

Aufgrund der gefühlt zunehmenden Anzahl von Menschen, die unterwegs waren, und der Tatsache, dass ich noch weiterlaufen wollte, fühlte ich mich wieder unter Druck gesetzt, „schneller als die anderen“ zu sein, damit ich noch einen Schlafplatz ergattern konnte. Tatsächlich wurde es spät. Ich lief auf den letzten Kilometern mit einem Pärchen aus Südamerika, das gerade Europa zu Fuss bereiste. Die ganze Zeit konnte ich den Gedanken nicht ablegen, dass es in der nächsten Herberge vielleicht keine drei Betten mehr zu vergeben wären. Nach Portela hätte ich weitere 7 km hinterlegen müssen, um eine Unterkunft zu finden. Die beiden schienen zuversichtlich zu sein; ich war jedoch unruhig.
Als wir gegen 16:30 ankamen, konnten wir tatsächlich die letzten drei Betten belegen. Ich fühlte mich auf der einen Seite „gesegnet“, auf der anderen Seite machte ich mich Sorgen um den müden Italiener, der hinter uns noch nachkommen sollte.
Die Herberge hatte zum Glück eine Ausweichmöglichkeit und bot ihm eine Matratze in einem Nebengebäude an. Die Nacht wurde für ihn zwar kühl, aber er hatte eine Übernachtungsmöglichkeit bekommen.

Sehr schöne Tafel zum Abendessen.

Es wurde am Abend für uns alle gekocht. Wir saßen beisammen im Garten und hatten ein sehr hübsches Abendessen mit Tinto de Verano und diversen Getränken.

Vor und nach dem Abendessen hatte ich ein starkes Bedürfnis nach Ruhe und habe mich getraut, es auch deutlich zu äußern, als manche den Schlafsaal in eine Plauderecke umzuwandeln drohten. Ich hatte deswegen etwas schlechtes Gewissen, nach Ruhe zu fordern, war aber zufrieden darüber, dass es klappte. Außerdem wusste ich, dass ich nicht alleine mit diesem Bedürfnis war: Zu diesem Zweck zogen sich manche in den Schlafraum zurück, statt mit den anderen in Gemeinschaftsräumen zu bleiben.

Am nächsten Tag ging es nach Caldas de Reis, was in meiner Wahrnehmung der hübscheste Ort war, in dem ich mich auf dieser Wanderung aufhalten würde.

Davon schwärme ich hier.

Veröffentlicht von Peregrina

Unterwegsgedanken nach der Ankunft

3 Kommentare zu „Camino 1, Tag 15

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