Camino 1, Tag 8

„Die Wende.“

Ab Marinhas würde ich mich für den Tag vom Meer verabschieden müssen, denn der Weg ging nun über Dörfer durchs Land. Nach der Wende an besagter Straßenkreuzung hatte ich ein ganz anderes Erlebnis von diesem Jakobsweg. Erst kürzlich war ich gereizt, sauer sogar auf meine Mitmenschen und hatte den Fokus auf unschöne Aspekte des Weges, nun war ich super gelaunt, ab und zu redelustig, und mir gefiel die Landschaft wieder ausgesprochen: viele Waldpisten, bergig, schöne Dörfer. Und das Gefühl, nützlich zu sein, weil mein Mitpilger mir und nicht Wegweisern die ganze Zeit im vollen Vertrauen folgte, war auch beflügelnd.

Echte Waldpisten, ohne Schutt oder Asphalt. Das ist für mich „richtiges“ Wandern.

Nachdem meine neue Bekanntschaft an dem Tag ausnahmsweise keine weite Strecke hinterlegen wollte und ich sowieso nicht, liefen wir ungefähr zum gleichen Tempo. Mal war ich vor ihm, mal hinter ihm. Spätestens bei Trink- und Umziehpausen starteten wir wieder zusammen. So ergaben sich lauter nette Gespräche über den Vormittag verteilt.

An dem Tag kreuzte mein Weg immer wieder auch den von zwei Deutschen, die ich bis Santiago de Compostela für ein Paar hielt. Auch das war nett und witzig.

Gegen das Ende der Tagesetappe sah mein Mitpilger etwas nachdenklich aus. Der Abstand wurde gefühlt immer größer.

In Viana do Castelo gingen wir zur kirchlichen Herberge, in der wiederum wir am Empfang für ein Paar gehalten wurden. Nach Richtigstellung, dass wir lediglich „compañeros de camino“ waren, konnten wir Betten reservieren. Die Übernachtung kostete so gut wie nichts und ich habe in der Nacht erstaunlich gut schlafen können. Obwohl ein Dutzend weitere Pilger*innen dabei waren.

São João da Cruz dos Caminhos

Wir konnten unser Gepäck allerdings noch nicht in den Schlafsaal, dafür aber in Sicherheit bringen. Wir gingen dann mit einer weiteren Pilgerbekanntschaft von ihm, die wir vor Ort trafen, zur nächsten Café-Bäckerei. Ich hatte einen Mordshunger, wollte aber noch bald ein richtiges, warmes, üppiges Mittagessen, idealerweise ein sogenanntes „Pilgermenü“ , irgendwo essen gehen. Habe also keine Süßigkeit bestellt. Sondern nur ein Bier. Mein Tagesbegleiter auch. Er kam jedoch auf die ungünstige Idee, in dem Zustand (nach 20 km Wandern und nichts Nahrhaftes im Magen), sich ein zweites Bier zu holen, das er prompt leeren musste, damit wir noch rechtzeitig zurück in die Herberge kommen könnten, um gemeinsam mit den anderen zum Schlafsaal geführt zu werden. Die Herberge war nämlich gross.

Mein Laufkumpane hatte sich somit selbst ausgeknockt und kam erst nach einem Nickerchen und mit Kopfschmerzen dazu, essen zu gehen. Ich empfohl ihm dann das Restaurant, in dem ich gerade satt wurde: Pilgermenü mit gegrillten Sardinen (<3), und der Espresso wurde mir dort geschenkt, weil ich der einen Köchin zum Geburtstag mitgratuliert hatte, nachdem ihr in der Pause einen Blumenstrauß von einer jungen Dame (ihrer Tochter?) überreicht wurde. Das hatte ich ja mitbekommen. Vor diese Gaststätte setzte ich meinen etwas verkaterten Mitpilger ab und drehte anschließend eine wunderschöne Runde durch Viana do Castelo, u.a. auf dem Monte Santa Luzia.
Auf dem Berg waren die zwei Deutschen, die ich an dem Tag vielmals gesehen hatte. Ich bot an, von ihnen ein Bild vor der Basilika Santa Luzia zu machen. Das Angebot wurde angenommen und wir plauderten dann ganz kurz. Angeblich konnte man sich einen „ganz besonderen“ Stempel auf dem Sanctuário holen. Wir gingen also zusammen auf „Stempeljagd“ und verabschiedeten uns dann.

Auf dem Santa Luzia Berg

Die beiden würde ich auf dem weiteren Weg gefühlt tausend Mal wiedersehen. Und mit einem der beiden zur Kathedrale von Santiago gemeinsam ankommen.

Den Spanier habe ich nie wieder getroffen.

Am nächsten Tag ging es dann wortwörtlich berghoch.

Veröffentlicht von Peregrina

Unterwegsgedanken nach der Ankunft

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