Wie gesagt hatte ich in Padrón, alleine im Schlafsaal der Pension, wie ein Baby geschlafen. Lang und tief. Als ich aufwachte, wunderte ich mich über die „vorangeschrittene“ Stunde (8:15). Hatte wohl diesen ausgedehnten ungestörten Schlaf gebraucht! Ich hatte auch keine Eile, schnell in Santiago anzukommen bzw. überhaupt aufzubrechen. Ich wollte eine Zwischenetappe machen. Wo genau wusste ich noch nicht, aber die Ankunft in Santiago de Compostela wollte ich noch etwas verzögern.
Es war mir also recht, dass ich an dem Tag weniger und dementsprechend nicht so lange unterm Regen laufen würde. Wobei ich darauf gespannt war, wie es sich im Regen laufen würde. Einen richtigen Regentag hatte ich auf diesem Weg nämlich noch nicht gehabt!
Nach dem Frühstück auf der (nassen) Terrasse eines Cafés (ich blieb draußen, um wenig Wasser/Schmutz nach innen zu befördern), lief ich an der Jakobuskirche vorbei. Da läge der Pedrón, eine „wichtige“ Sehenswürdigkeit auf dem Jakobsweg. Im Gegensatz zum Vortag hatte die Kirche dann auf, als ich in der Nähe war; ich ging also herein. Ich konnte mir besagten Pedrón anschauen, die Stimmung unter andächtigen Anwesenden aufnehmen und mir vom Pfarrer einen Stempel auf den Pilgerausweis geben lassen.

Es folgten frustrierende 15 km Wanderung bis Cruces. Im hochgepriesenen Kloster von Hebrón wollte ich zwar nicht übernachten aber zumindest einen Stempel für meine Credencial holen gehen. Ich wusste, dass ich außerhalb der Öffnungszeiten ankommen würde, dachte aber, einen Stempel würden sie mir sicherlich trotzdem geben können, wenn ich den ca. 3,5 km Umweg dahin machen würde.
Tja. Falsch gedacht. Der Boden war frisch gewischt und ich wurde deswegen halb freundlich halb abweisend stempellos wieder fortgeschickt. Wie schwer wäre es gewesen, mit sauberen Putzschuhen kurz zum Tresen zu gehen, um das Stempelzeug zu holen und meine Mühe etwas zu belohnen? Wohl zu schwer.
Aber gut. Ich hatte ja keinen Anspruch darauf. Sondern eben Pech.
Ich ging also weiter und wurde nässer und nässer. Gegen Mittag hatte ich mehrere Aufenthaltsoptionen. Ich hielt in Cruces an und nahm ein einfaches aber frisches und wohltuendes Pilgermenü zu mir. Ich zögerte lang, ob ich noch weiterlaufen würde oder nicht, entschied mich jedoch, zur nächsten privaten Unterkunft zu laufen und für den Tag Schluss zu machen.
Ich kam dann in eine merkwürdige Anlage. Es sah nach Feriendorf mit großem Café/Restaurant/Treffpunkt aus, war aber fast menschenleer. Der Kontrast zwischen dem recht herbstlichen regnerischen Wetter und dunklen Himmel und dem Außenpool und Bungalows auf dem Gelände war auch fast verstörend.
Ich war dieses Mal die zweite Eingecheckte im Schlaafsaal für Pilger*innen. Ein Mann lungerte in Unterhose auf seinem Bett direkt hinter dem Saaleingang bereits herum. Auch das verstörte mich etwas, wobei meine Sorgen bzw. Vorsicht sich später als unbegründet entpuppten.
Wie jeden Tag ging ich nach dem Check-In duschen, machte meine Tageswäsche, dehnte mich, machte mein Bett fertig und ging mein Tagebuch führen. Ich setzte mich in die „Cafeteria“ hin und bestellte einen Kaffee.
Irgendwann tauchte auch der Mann-in-Unterhose (mit Hosen an) auf. Er setzte sich am anderen Ende des großen Raums. Irgendwann fand ich das zu albern, dass wir nicht ins Gespräch kamen, obwohl es auch ihm bestimmt langweilig war. Und bot ihm an, dass wir zu Abend zusammen aßen. Er war ersichtlich erleichtert darüber, dass ich ihn nicht alleine ließ. Es folgte ein sehr interessanter Abend bei Speis und Trank.
Er war ein Hardcore-Wanderer. Er lief 40-45 km am Tag. Verrückt.
Er schwärmte von seiner Ehefrau und erzählte, wie sie sowohl im gemeinsamen Betrieb als auch zu Hause alles schmiss. Ihm war klar, dass ich mit traditionellen Rollenverteilung nichts am Hut hatte und er entschuldigte sich für seine teilweise „chauvinistischen“ Äußerungen in dem Zusammenhang.
Mal wieder wurde bestätigt, dass es sich lohnte, Menschen näher kennenzulernen, auch wenn der allererste Eindruck nicht der Beste war.
Ich sage nicht, dass wir im „echten Leben“ Freunde hätten werden können, aber es wurde aus meiner Sicht ein sehr netter und bereichernder Abend.
Am nächsten Tag war es also so weit. Letzte Tagesetappe bis Santiago de Compostela. Was nicht mein Endziel werden sollte, denn ich würde noch weiter zum Kap Finisterre und dann Muxía weiterlaufen. Jedoch wurde dieser Tag sehr besonders, obwohl ich nicht wirklich damit gerechnet hatte.
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Ein Kommentar zu “Camino 1, Tag 18”