Camino 1, Tag 12

An dem Tag hatte ich vor, bis zur spanischen Grenze zu gehen. Ich könnte entweder in der letzten portugiesischen Pilgerherberge in Valença übernachten oder mein Glück im spanischen Tui auf der anderen Seite des Grenzflusses probieren. Ich hatte keine Lust, Portugal zu verlassen. Hatte auch gehört, dass die Spanier*innen weniger pilgerfreundlich wären, und wollte also den Moment des Abschieds vielleicht noch ein bisschen verzögern. Ich würde also sehen, wie es zu Mittagszeiten mit meinem Fortschritt und meiner Stimmung aussehen würde, und die Entscheidung darüber davon abhängig machen.

Typisch: „ins Universum“ nach Bestätigung für Bauchentscheidungen zu suchen.

Nach einer sehr schönen, einsamen Strecke entlang des Flusses Minho auf der sogenannten „Ecopista“ ging mein Weg durch Dörfer. Allmählich wurden die Menschen weniger freundlich, Wachhunde bellten aggressiver, es lag mehr Müll auf dem Boden und die durchwanderten Ortschaften waren weniger hübsch und wirkten teilweise wie ausgestorben. Durch ein großes Industriegebiet ging der Weg auch noch. Das Ende (von Portugal) nahte!

Im Pilgerführer stand, dass eins der Restaurants vor Valença Pilger*innen ein Glas Wein schenkte, um „den Abschiedsschmerz zu lindern“. Ich war neugierig auf die Erfahrung, ein solches Geschenk zu bekommen, und weniger darauf, mir am „frühen Morgen“ einen hinter die Binde zu kippen, und suchte jedenfalls einen entsprechenden Umweg zur so angepriesenen Gaststätte. Die Beschreibung passte zum Restaurant, das nun vor mir stand, dessen Namen aber nicht. Ich ging hin, um entweder mein Glas Wein zu empfangen oder mir zumindest bestätigen zu lassen, dass ich am richtigen Standort war. Der Wirt bestätigte Letzteres und schien mir nichts schenken zu wollen. Es gab die letzten Jahre wohl einen Inhaberwechsel.
Ich ging also etwas beschämt sowie leicht enttäuscht wieder.

Erwartungen führen halt zu Enttäuschungen.

Dafür war der nächste Gaststättenbesuch deutlich aufschlussreicher. Kurz vor der Mittagspause haben sich mein Weg und der von „meiner deutschen Pilgerin“ wieder gekreuzt: Ich lief gerade zurück zum offiziellen Weg, als sie um die Ecke geschossen kam. Wortwörtlich. Das war sehr lustig, sich so schon wieder zu treffen. Sie lief gerade ohne ihren „mitgebrachten Mitpilger“. Er wäre vorgelaufen. Wenige hundert Meter später sahen wir ihn auf einer Café-Terasse sitzen. Mit der anderen Deutschen, mit der ich zwei Tage zuvor das Abendessen am Strand geteilt hatte. Ich freute mich sehr über ihn, nicht so über ihre Anwesenheit. Sie hatte bei mir keinen guten Eindruck hinterlassen. Ich wollte dann gleich weiterlaufen, aber wir verquatschten uns. Ich hatte eben Lust auf Kaffee, hatte Hunger und der Wirt war so wahnsinnig einladend, dass ich mich doch für das Zusammensitzen entschied. Es war nett, ich merkte aber, dass ich mich wieder über die für mich unangenehme Begegnung ärgerte und nutzte die Gelegenheit, dass die betroffene Kollegin vom Wirt ausführlich etwas erklärt bekam, um schnell wieder zu gehen.

Mal wieder ergriff ich die Flucht.

Bis zum Einschlafen in der Herberge hatte ich immer etwas Angst, dass sie wieder auftauchen würde und ich es nicht schaffen würde, mich von ihr fernzuhalten, ohne unfreundlich zu werden. Was ich dann nicht wusste: sie würde mit den zwei Anderen für die Nacht in einer Pension bleiben, die vom Café-Wirt betrieben war.
Besagter Wirt meinte nämlich, es sei keine gute Idee, bis Tui zu laufen, denn es sollten aufgrund einer Großveranstaltung in der Gegend alle Unterkünfte ausgebucht sein, und wir sollten lieber nur bis Valença laufen. Von Anderen, die an dem Tag in Tui übernachtet hatten, erfuhr ich im Nachhinein, dass es nicht so war. Selbst in der offiziellen Pilgerherberge hätte es noch Betten gegeben.
Es war wahrscheinlich so, dass der Schelm uns auf seine Pension bei Valença auf diese Art schmackhaft machen wollte. Für mich war es schon gelaufen, bzw. ich war schon fortgelaufen. Bei den drei Anderen ist das Angebot gut angekommen. Sie hätten dort einen wundervollen Abend gehabt. Es wurden also alle glücklich: ich (denn ich blieb noch eine Nacht in Portugal und wurde in der Herberge allein gelassen), die drei deutschen Mitpilger und der Wirt. Perfekt!

Die Altstadt von Valença

Ich war an dem Tag die Erste in der Herberge und konnte mich in Ruhe ein Bett aussuchen, duschen und meine Tageswäsche machen. Dann ging ich mir die schöne Altstadt von Valença anschauen. Die spanische Grenze war direkt vor meiner Nase. Ich fand das aufregend.
Der Nachmittag würde mich jedoch etwas traurig stimmen: Die Altstadt war voller spanischen Shopping-Touristen, die auf Schnäppchenjagd waren. In der Nähe von der Herberge war ein riesiger Markt auf Ödland. Tankstellen. Großsupermärkte. Die Autobahn lief vorbei. Im Café, in das ich mich zum Tagebuchführen abseits der „touristischen“ Altstadt zurückgezogen hatte, erhielt ich ein sehr günstiges, etwas schales Bier von der jungen, nicht so hübschen Tochter des Wirtes, der nur einen Arm hatte.

So sieht ein Grenzgebiet aus, wenn man auf der falschen Seite des Systems liegt.

Ich ging in einen der Hypermärkte etwas Proviant und mein Abendessen einkaufen und ging früh ins Bett. Am nächsten Tag hatte ich eine längere, etwas anstrengendere Etappe vor mir. In Spanien dann.

Dazu mehr hier.

Veröffentlicht von Peregrina

Unterwegsgedanken nach der Ankunft

2 Kommentare zu „Camino 1, Tag 12

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