„Ein bisschen Wellness,
Teil 1″
Ich wurde am Morgen in der privaten Herberge von Paço mit einem Kaffee von „meinen zwei deutschen Mitpilgern“ überrascht. Mit einer der beiden würde ich an dem Tag loslaufen, der Zweite würde kurze Zeit später aufbrechen.
Wir verabschiedeten uns von allen. Ich machte mir nun Sorgen um Eine, die schon einige Tage an dem Standort stehen geblieben war und nicht weiterkam. Sie „wollte noch ein bisschen bleiben“. „Es wäre so schön da.“ Sie trank dort auch durchgehend diverse alkoholische Getränke, die die Herberge in Selbstbedienung bereitgestellt hatte. Womöglich hatte sie ein Ereignis bzw. eine Nachricht unterwegs getroffen, womit sie nicht zurecht kam.
Jemand war möglicherweise in ihrem Umfeld gestorben. Vielleicht die Person, „für die“ sie diesen Jakobsweg lief.
Viele machen sich auf den Weg, um zu trauern. Manche laufen auf dem Jakobsweg in der Hoffnung, dadurch die eigene Heilung oder die einer geliebten Person zu unterstützen.
Diverse Pilgerratgeber
Vor dem Einschlafen am Abend zuvor hörte ich zum Beispiel, wie jemand leise im Bett ein Gebet für diejenigen Mitpilger*innen aufnahm, die ein Kind (auch?) verloren hatten.
An besagtem Morgen wünschte ich den beiden besonders viel Kraft und Glück für die Weiterreise.
Ich startete dann zwar mit der Deutschen zusammen, lief aber meist ein Stück vor ihr. An dem Tag war das Wetter perfekt für das Wandern und die Landschaft unterwegs war absolut malerisch: Wald, hübsche Dörfer, ein paar steile Abschnitte, ein Städtchen mit gigantischem Strand… Traumhaft.
Es war Herbst, kurz vor der Weinernte. Der Weg ging sehr häufig durch Weingebiete, so dass regelmäßig Weintrauben am Wegrand – teilweise über dem ausgebauten Wanderweg – hingen. Im Gegensatz zu manchen Wander*innen, fühlte ich mich nicht berechtigt, mich einfach zu bedienen. Aber als es bei einem Korb voller frisch gepflückten im Morgentau gewaschenen Weintrauben hieß: „Für Pilger*innen“, nahm ich mir doch was davon. Wie nett!
Als meine Wegbegleiterin der Stunde mich kurz darauf einholte, machte ich sie auf den Korb aufmerksam, den sie übersehen hatte. Sie fand das auch sehr nett, ging aber einfach vorbei. Wenige Schritte weiter biss ich beiläufig in die Weintraube rein, die ich mir genommen hatte.
Es waren die besten Trauben, die ich jemals gegessen hatte. Ich könnte den Geschmack nicht mal richtig beschreiben, so intensiv und neu war das für mich. Das musste meine Kollegin unbedingt auch erleben. Ich drehte mich voller Verwunderung und Begeisterung zu ihr und meinte, sie müsste unbedingt kosten. Was für ein Geschenk!
Später holte uns ihr „mitgebrachter Mitpilger“ ein. Ich lief bald darauf alleine weiter.
Ich hatte vor, den offiziellen Weg nicht bis zum Ende der Etappe zu folgen, sondern weiter an der Küste lang zu laufen. Meine Wunschunterkunft war sowieso vor dem Ortseingang von Caminha, direkt am Wasser und nicht auf dem offiziellen Weg. Es lohnte sich also doppelt, anders als angegeben zu laufen.
Wie oft vor der Ankunft hatte ich ein bisschen Bammel davor, kein Bett mehr für die Nacht zu bekommen: Ich hatte bewusst nichts gebucht und womöglich war der von mir angesteuerte Campingplatz für die Saison bereits am Schließen… Wie immer lief jedoch alles glatt. Und weil der Campingplatz tatsächlich fast schon leer war, musste ich dieses Mal den Bungalow nicht teilen. Ich hatte Einen ganz für mich alleine. Und am Nachmittag hatte ich den angrenzenden Strand auch noch für mich alleine!
Wie immer nach dem Check-in, dem Mittagessen, der Dusche und meiner Tageswäsche, schrieb ich am Strand höchst vergnügt in mein Tagebuch rein. Und konnte ein bisschen Wellness machen: die Füße waren nämlich etwas schmerzhaft und stundenlanges Barfusslaufen auf dem feuchten Sand bzw. direkt im kühlen Salzwasser war sehr wohltuend.
Als ich zurück auf dem Campingplatz war, sah ich, dass eine Wanderin in einem Nachbar-Bungalow angekommen war, die ich schonmal unterwegs getroffen und kurz gesprochen hatte. Sie wirkte freundlich auf mich und ich hatte gerade Lust auf einen geselligen Picknick beim Sonnenuntergang am Strand. Ich fragte sie dann, ob sie mitmachen wollen würde. Sie nahm mein Angebot sehr erfreut an. Wir gingen dann zusammen in die Stadt einkaufen.
Ich bereute diese Einladung später ein wenig: sie war sehr mitteilungsbedürftig und meckerte viel. Ihre Anspruchshaltung wurde mir zunehmend unangenehm. Den Rest wurde mir dann gegeben, als sie sich unserem so wahnsinnig freundlichen und großzügigen Gastland gegenüber in meinen Augen respektlos verhielt: sie warf Essensreste bzw. -müll direkt auf den sonst mackellosen Strandboden. Ich lenkte das Gespräch dann auf das Thema „Müll beim Pilgern“ um und wir echauffierten uns gemeinsam darüber, wie Menschen eben so respektlos sein könnten und ihren Müll einfach unterwegs auf den Weg schmissen. Sie brachte das leider nicht in Verbindung mit ihrem Verhalten zusammen. Ich schämte mich sehr. Ich setzte noch eins drauf, dieses Mal direkter: ich hätte eine Mülltüte dabei, sie müsste das Zeug also nicht auf den Boden werfen. „Ja ja, wenn es zu viel wird, hebe ich das dann auch auf.“ Pustekuchen. Nichts hat sie aufgehoben. Ich wurde zu ärgerlich, um ihr höflich darauf aufmerksam zu machen, dass gutes Benehmen auch im Ausland galt. Auch wenn *sie* gerade im Urlaub war. MANN!
Am nächsten Morgen habe ich mich erfolgreich an ihrem Bungalow vorbeigeschlichen. Und war erleichtert zu wissen, dass sie ab dem Ort nicht den gleichen Weg wie ich laufen wollte, sondern die Fähre von dort nach Spanien nehmen wollte, um den Weg über Vigo zu laufen. Ich würde meinerseits entlang des Minho Flusses nach Valença laufen.
Sie hatte den Abend mit mir ihrerseits dagegen so toll gefunden, dass sie mir doch hinterher gelaufen war und wir trafen uns ein paar Tage später unverabredet wieder.
Wie es dazu kam, erzähle ich hier.
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