„Geselligkeit?“
Im Schlafsaal der Herberge von Viana de Castelo war ich die Vorletzte, die aufstand. Ich hatte den Abgang vom Spanier am sehr frühen Morgen noch mitbekommen, verschlief aber, wie die anderen sich auf den Weg gemacht hatten. Die Letzte rührte sich auch, als ich packte. Wir hielten einen kurzen Plausch. Sie äußerte etwas Wehmut, weil sie noch niemanden auf diesem Jakobsweg wirklich kennengelernt hätte. Irgendwie würde sich das alles zerlaufen. Ich versicherte ihr, dass sie aber gewiss manche noch mehrfach wiedersehen würde und verabschiedete mich. Vermutlich war ich nicht die Einzige, die den Weg lief, um zur Ruhe zu kommen. Ich fand es zwar sehr schön, mich ab und zu mit anderen auszutauschen, aber ich wollte vorrangig mir selbst begegnen können. Das ging nur mit Zeit und Einsamkeit gut. Wobei ich rückblickend sagen kann, dass die gewichtigeren Erkenntnisse, die ich auf diesem Camino gewann, durch den Austausch und die Anregungen von Gesprächspartner*innen ermöglicht wurden.
An dem Tag wurde das Thema „Rücksicht“ wieder aktuell. Besser gesagt: mein Gefühl, dass *nicht genug Rücksicht* auf andere und die Umwelt genommen würde. Dieses Thema würde mich sogar durchgehend beschäftigen.
Als ich zum Beispiel in der (traumhaft schönen!) privaten Herberge in Carreço bzw. Paço mir ein Bett reservierte, hieß es, dass das tatsächliche Einchecken vor Ort und der Bezug von besagtem Bett später als sonst stattfinden würde: die Nacht zuvor wurde die gesamte Location von einem Startup gebucht. Es wurde wohl ordentlich „gefeiert“ (übersetzt: gebechert) und die Herrschaften mussten erstmal ihren Kater ausschlafen.
Ich ging bis dahin eine unmenschliche Menge an Essen vom Pilgermenü im benachbarten Restaurant vertilgen. Es war nicht alles blitzblank vor Ort, dafür war das Essen fast komplett frittiert, also fühlte ich mich nicht gehemmt, möglichst aufzuessen. Was hätte da schon schief gehen können? 😀
Ich war früh dran und somit alleine im Speisesaal. Ich durfte beim Essen „Lethal Weapon 4“ auf Portugiesisch anschauen. Irgendwie wurde ich dabei wieder heiter.
Auch zum angesagten späteren Zeitpunkt waren die Räumlichkeiten der Herberge leider noch belegt. Ich wollte endlich duschen und mich dehnen und ausruhen. Und musste mir stattdessen anschauen, wie diese entitled little sh*ts noch im Schlafanzug und wenig einsatzbereite Hirnmasse gemütlich durch die Gegend streiften. Die leeren Flaschen im Gemeinschaftsraum würden auch eine Weile brauchen, um entfernt zu werden…
Und ich dachte, ich könnte der Startup-Welt auf dem Jakobsweg entkommen.
Ich hielt leider weiter an meiner Missgunst fest. Und wurde davon genervt, dass es später auch im Schlafsaal nicht möglich war, Ruhe zu haben, denn es wurde laut telefoniert. Dann davon, dass auch Pilger*innen vom zweiten Haus sich es in „unserem“ Gemeinschaftsraum am Abend gemütlich machten, weil er schöner als im anderen Haus war. Die Bude wurde so richtig voll. Selbst als ich mich draußen *im Regen* hinsetzte, um alleine zu sein, kamen Raucher*innen dazu.
Überall Menschen, überall Smalltalk.
Ich denke, ich war an dem Abend nicht mehr so freundlich, wie ich es hätte sein wollen.
Auf der anderen Seite wurde ich bekocht, nachdem ich „den zwei Deutschen“ meinen Proviant am Nachmittag verschenkt hatte: sie waren außerhalb der Öffnungszeiten des Restaurants und des Dorfladens angekommen und hätten sonst keinen Zugang mehr zu Essen bis zum Abend gehabt. Wir lernten uns etwas besser kennen.
Es gab außerdem eine Gitarre im Raum, die ich etwas bespielte. Die Anwesenden waren begeistert. Es tat auch mir gut.
Am nächsten Morgen bekam ich einen frischen Kaffee und ein bisschen Käse von besagten deutschen Mitpilger*innen und startete erstmal mit der einen alleine. Diese Etappe bis Caminha sollte traumhaft werden.
Darüber gibt es hier zu lesen.
Ein Kommentar zu “Camino 1, Tag 9”