„Den Weg zurückfinden.“
In der Nacht habe ich in dem großen Schlafsaal der Pilgerherberge in Marinhas mehr schlecht als recht geschlafen. Ich ging wie immer schon am frühen Abend ins Bett. Aber wie ich bereits erzählte, gab es ein lautes auch wenn schlecht besuchtes Volksfest nebendran, so dass das Einschlafen erst spät möglich war. Dazu hatte ich das „Klapperhochbett“ erwischt: Sobald eine der zwei Liegenden nur mit der Nase rupfte, wurde das Gestell knirschend geschüttelt. Ein Vorteil hatte es: sobald meine Bettkollegin anfing zu schnarchen, musste ich mich lediglich etwas bewegen, um sie über das so gerüttelte Gestell gleich zu unterbrechen. Es war irgendwie lustig. Schlafen wäre schöner gewesen, aber na ja.
Am nächsten Morgen wurden alle wach, sobald die ersten Wander*innen aufstanden. Das war im Schnitt gegen 5 Uhr, falls einer fragt. Ich bemühte mich zwar, MIT DER KRAFT MEINER OHRENSTÖPSEL wiedereinzuschlafen, gab es aber nach kurzer Zeit wieder auf. Alles schüttelte und reckte sich, es klapperte und klickte, Stoffe rieben sich und schliffen auf Betten und Böden. Kurz vor 7 Uhr hatte ich mich also schon angezogen, frisch gemacht, hatte gepackt und aß noch ein paar Kekse auf dem Vorplatz der Herberge. Die Küche war mit den ganzen frühen Vögeln zu voll für meinen Geschmack. Und Kaffee gab es da auch nicht, in dem Sinne: lieber draußen in Ruhe und in der frischen Luft „frühstücken“. Es war um die Uhrzeit in der Jahreszeit noch nachts.
Während ich an meinen Keksen nagte, machte u.a. ein Mann los, der mir am Vorabend bereits aufgefallen war. Ich wüsste nicht, warum er mir aufgefallen war, aber es war so. „Schade, schon vorbei“, sagte ich mir leise, meine Chance damit als verspielt einschätzend, mich mit ihm zu unterhalten. „Es ist, wie es ist.“ Und in dem Fall sollte es wohl nicht sein.
Wie immer lief ich mit meinem Pilgerführer in der Hand los, welcher mir alle Abbiegungen und Kreuzungen sehr präzise beschrieb. Für die erste Abbiegung wusste ich, dass ich gut aufpassen musste, denn sie war schwer zu sehen. Insbesondere dann, weil die Sonne noch lange nicht aufgegangen und die Straßenbeleuchtung im Dorf nicht so stark waren. Als ich an der erwarteten Kreuzung stand, sah ich einige hundert Meter vor mir einen Wanderer, der sich allmählich weiter vom Weg entfernte. Er lief gemütlich den dunklen Berg hoch. Er hatte sich gewiss verlaufen. Ich versuchte ihn nur halblaut zu rufen, um die Dorfbewohner*innen nicht zu ärgern. „Hey!… HEY!!!“ hustete ich in seine Richtung. Er stoppte und drehte sich um. Ich gestikulierte so, dass er verstand, dass der Weg vor mir abbog und er das wohl verpasst hatte. Er lief zurück. Ich wartete.
Es war „der“ Typ! Nun hatte ich meine Chance, ihn mal kennenzulernen. Wenn er plaudern wollen sollte. Er war mir nämlich bereits als Einzelgänger aufgefallen; möglicherweise war er nicht an einem Gespräch interessiert.
Wir liefen erstmal gemeinsam und still weiter. Auf dem „richtigen“ Weg. Schritt für Schritt fingen wir an, uns etwas zu unterhalten. Sein English war eingeschränkt, so dass wir aber nicht viel reden konnten. Gegen 8:30 hatte ich gute Hoffnung auf eine schwarze Brühe, denn Cafés hatten oft um die Zeit aufgemacht. Und in meinem Pilgerführer stand, dass demnächst eins zu finden wäre. Mein Wegbegleiter schien der Idee eines Warmgetränks nicht abgeneigt zu sein. Wir bogen zum nächsten Café in Sicht ab, das aber noch geschlossen war. Wir liefen dann zurück zum offiziellen Weg und weiter. Wir erreichten bald das empfohlene „Café auf dem Weg“, das tatsächlich geöffnet war, lauter Frühstücksleckereien im Angebot hatte und unsere Pilgerausweise mit einem weiteren Stempel versehen konnte. Super!
Nachdem wir uns heiter für unser zweites, luxuriöseres Frühstück hingesetzt hatten, erfuhr ich, dass er Spanier war. Und als ich ihm mitteilte, wo ich aufgewachsen war, antwortete er mir in meiner Muttersprache. Dort, wo er lebte, wurde sie nämlich gesprochen. Wir könnten es mit dem Englischen somit lassen, denn das wäre so für ihn einfacher. Ich denke, in dem Moment strahlten wir beide vor Freude und Erleichterung, dass wir eine gemeinsame Sprache hatten. Ausnahmsweise für mich war es sogar „meine“.
Die Unterhaltung auf dem weiteren Weg war dadurch deutlich lockerer. Er erzählte, dass er schon seit Monaten auf verschiedenen Fernwanderwegen unterwegs war. Dass er die See liebte. Und die Berge. Er erklärte, wie er das mit seinem Arbeitsleben einrichten konnte, so lange weg zu sein.
Ich fand immer schon Laufbahnen außerhalb von ausgetretenen Pfaden spannend. Vor allem solche, die viel Freizeit „am Stück“ ermöglichten. Und das Reisen. Seine Erzählung beeindruckte mich sehr. Sie weckte etwas in mir.
Im Gespräch mit ihm ertappte ich mich auch wieder dabei, zu erklären, wie bedauerlich ich es fand, kein Spanisch zu können. Ich würde u.a. aufgrund meiner anderen gesprochenen Sprachen wahrscheinlich nur wenige Monate brauchen, um fließend sprechen zu können. Ein paar Freund*innen und Bekannte hätte ich sogar in Spanien, die ich bei einem Spanischkurs in Spanien wiedersehen könnte.
Kurze Zeit später war in mir eine Idee geboren. Nach dieser Erkenntnis:
Ich könnte das jetzt gleich im Anschluss dieses Jakobswegs machen.
Ich hätte Zeit, Ressourcen und keine nennenswerten Verpflichtungen. Ich war recht baff, dass diese lang ersehnte aber nie richtig erforschte Möglichkeit, mal ordentlich Spanisch zu lernen, plötzlich als plausible, sinnvolle Option vor mir stand. Wollte aber nicht vorschnell sein und nahm mir vor, diese Idee im Laufe des weiteren Wegs reifen zu lassen. Vielleicht war es doch nur eine Schnapsidee und ich erkannte es nicht, weil mir sonst partout nichts besseres einfallen wollte?
Ich sitze übrigens gerade in meiner Wohnung in der trüben Großstadt, während ich das alles Wochen später nacherzähle, und kann Euch eins versichern: Ich arbeite gerade parallel mit Hochdruck daran, diese zum Plan gewordene Idee spätestens Anfang nächsten Jahres umzusetzen.
Es war wohl „mein Camino-Moment“ .
Das klingt vielleicht unspektakulär, aber eine solche „spontane“ Reise nach Spanien ergab für mich auf einmal in allerlei Hinsicht Sinn. Und auf dem Jakobsweg war ich lediglich nach Sinn hinterher. Und auf der Spur von meiner Herkunft…

Außerdem war der Weg an sich an dem Tag wundervoll. Davon erzähle ich hier.
3 Kommentare zu „Camino 1, Tag 7“