Camino 1, Tag 4

Eigentlich hätte ich Porto am Vortag verlassen wollen. Ich war ja da, um zu laufen, nicht um eine Stadt zu besichtigen. Im Endeffekt war ich jedoch froh, noch eine Nacht vor Ort geblieben zu sein. Die erste Etappe auf dem Camino Portugués da Costa ab Porto war über 20km lang, und wenn ich erstmal von meiner Pampa-Bleibe in die Stadt hätte kommen sollen, wäre es eine unzumutbare Gesamtstrecke gewesen.

Die ersten 3-4 Tage des Jakobswegs wären „die Schlimmsten“ und man dürfte sich am ersten Tag höchstens 10-15km, am Zweiten höchstens 15-20km und am Dritten höchstens 20-25km vornehmen, um sich einzulaufen. Dann dürften Tagesetappen etwas länger werden.

Alle erfahrenen Piger*innen

Ich hatte am Vortag bereits 22km hinter mich gebracht und für diesen ersten offiziellen Wanderungstag ungefähr das Gleiche vor. Tja. Ich erklärte mich prompt als „bereits eingelaufen“ und hoffte, dass ich und meine Füße heil zur nächsten Unterkunft ankommen würden. Ich verließ die Pilgerherberge, ging ins nächste Café für mein erstes Frühstück dieses Caminos und nahm erstmal die U-Bahn. Ich wollte zum Punkt des offiziellen Jakobswegs zurückzukommen, an dem ich ihn bei meinem Stadtspaziergang zuvor verlassen hatte. Ich stieg Casa da Música aus der U-Bahn aus. Und VERLIEF MICH SCHON WIEDER. Irgendwie wollte mich dieser Ort festhalten. Bzw. wollte ich ihn anscheinend nicht wirklich verlassen! X-)

Entlang der historischen Tramstrecke ging es raus aus der Stadt.

Wieder auf dem Jakobsweg angelangt gab es ununterbrochen Pilger*innen vor und hinter mir. Mal in Sichtweite, mal nur so weit, dass ich bloss kurz anhalten musste, um die nächste Person hinter mir zu sehen. Den ganzen Vormittag haben wir uns mal fröhlich mal angestrengt gegenseitig „Bom Caminho“ gewünscht. Was an sich sehr unheimlich war. Aber am erstaunlichsten war, wie stets herzlich die Portugiesen ebenfalls Glückwünsche ausgesprachen. Ob sie alle fünf Minuten Pilger*innen so anfeuerten?! Verrückt. Und schön.

Es ergab sich so eine Aufbruchstimmung, die von Zuversicht und Entspannung geprägt war. Ich kannte „Aufbruchstimmung“ nur mit mindestens einer gewissen Spannung, wenn nicht gleich auch noch Angst dazu. Hier war nichts von Letzterem zu spüren. So schön kann also „Gehen“ sein. Erstaunlich.

In Leça de Palmeira war die Atlantik so wuchtig, dass der ganze Steg zum Leuchtturm gesperrt war.

Es waren meine ersten von ca. 110 Kilometern direkt an der Atlantik lang. Links von mir beeindruckende Wellen und eine unergründliche Weite, rechts Portugal und sein zuvorkommendes, aufmerksames Volk. Mal wurde mir dieser Weg doch etwas eintönig und wenn er an hässlichen riesigen industriellen Anlagen vorbeilief, bereute ich es ein bisschen, den Weg an der Küste und nicht durchs Landesinnere ausgewählt zu haben. Aber Langeweile sollte auch dazu gehören. Und die Atlantik IST NICHT LANGWEILIG. Ich würde mich also bemühen, jeden Tag aufs Neue zu erkennen, dass die Küste sich mir ähnlich aber nicht gleich darbot.

In Matosinhos ergatterte ich den zweiten Stempel auf meinen Pilgerausweis in einem Café am Wegrand. Bzw. ich wurde praktisch vom Wirt zu diesem Zweck hineingerufen. Sehr nett. Unterwegs in Matosinhos bzw. Leça de Palmeira plauderte ich unter anderem mit Pilger*innen, mit denen ich durch den Hafen lief. Und entschied mich, gleich mal das Mittagessen zu mir zu nehmen, denn die Grillhäuser mit Fisch und Gemüse waren für mich praktisch unwiderstehlich. Was gab es denn zu essen? Na, gegrillte Sardinen und Bratpaprika natürlich!!! Die Sardinen waren so frisch, sie waren nicht mal ausgenommen. Nom nom nom…

Und später auf der Wanderung gab es welche sogar im „Pilgermenü“!

(Ja, unsere Meere sind eigentlich praktisch schon leer gefischt worden und ich meide deswegen sonst den Konsum von Fisch. Aber ich hatte seit Jahren keine Sardinen mehr gehabt, und dachte, ich würde jetzt mal eine Ausnahme machen. Ich habe mit großem Genuss und großer Dankbarkeit gegessen. )

An dem Tag stellte ich zum ersten Mal fest, dass „der Weg Dir tatsächlich das gibt, was Du brauchst“: nach einigen Stunden hatte ich mein Wasser ausgetrunken und fand kurz darauf tatsächlich eine Fontäne, so dass ich „tanken“ konnte. Auf dem weiteren Weg bis zur Unterkunft gab es gefühlt alle fünfzig Meter eine solche Fontäne!

Viele Kilometer auf Holzbrücken durch Naturschutzgebiete

Ich wollte abends meine Füße noch im Meer baden, dringender brauchte ich jedoch ein Bett für die Nacht und die Wellen krachten von einer solch bedrohlichen Höhe auf die Strände herunter, es wäre zu gefährlich gewesen, baden zu gehen. Ich checkte also zum Pilgerpreis in den Campingplatz in Angeiras ein und gab nach dem Duschen meinem Bikini im Freibad seine „Camino-Taufe“. Es war ganz schön kühl. Ich war auch die Einzige im Wasser. Und das war super schön.

Der Weg gibt dir nicht das, was du willst, sondern das, was du brauchst.

Pilgerspruch

Ich teilte einen Bungalow mit einer Deutschen, mit der ich mich sehr schön unterhielt. Sie war schonmal von Le Puy, Frankreich, den Camino Francés gelaufen. Mit Fußproblemen. Und hatte es nach Santiago de Compostela, Spanien, geschafft. Sie hätte die 710km von Le Puy nach Saint-Jean-Pied-de-Port gebraucht, um sich einzulaufen. Alter, da war ich ganz schön ehrfürchtig auf einmal. Und gleichzeitig ermuntert: auch sie hatte Fußprobleme und war „trotzdem“ viel länger und intensiver gelaufen, als ich jetzt vorhatte. Ich würde es also bestimmt packen.

Übrigens: Ich konnte es nun mit Sicherheit sagen, ich reagierte allergisch gegen meinen Merinowolle-Schlafanzug. [EDIT: Es war vermutlich eher gegen Chemikalien, die beim Kauf noch dran hingen, denn nach dem Waschen nach dem Camino hatte ich kein Problem mehr mit dem Teil.] Konnte aber sehr schnell und einfach Allergietabletten besorgen; Apotheken gab es überall. Immerhin!

Am nächsten Tag ging es zum tollen Strandurlaubsort Póvoa da Varzim weiter; meine Mitbewohnerin für die Nacht würde ihrerseits den Weg durchs Landesinnere nehmen. Darüber gibt es hier was zu lesen.

Veröffentlicht von Peregrina

Unterwegsgedanken nach der Ankunft

3 Kommentare zu „Camino 1, Tag 4

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten