„Auf der Stelle treten“
Nach dem fehlgeschlagenen Versuch am Vortag, vom Haus-in-der-Pampa zu Fuss zum Bahnhof zu laufen, wusste ich, dass ich mich nicht mehr verlaufen würde. Ich bin also in voller „Pilger*innenmontur“ und guter Dinge von meiner Bleibe losgelaufen. Ich benutzte zum allerersten Mal Wanderstöcke und schon auf dieser Strecke erwiesen sie sich als sehr hilfreich. Es fühlte sich so an, als ob ich nun wirklich auf dem Weg unterwegs war. Ich hätte aber nicht gedacht, dass meine Tagestour tatsächlich so lang wie eine Jakobswegetappe werden sollte.
Nicht, dass ich mich schon wieder verlaufen hätte. Das ging dieses Mal glatt. Aber die Pilgerherberge in Porto, die ich ins Auge gefasst hatte, hatte keinen Platz mehr für mich, bis ich sie erreicht hatte. Die Dame am Empfang war so freundlich und rief die nächstgelegene Herberge an. Auch schon voll. Es blieb nur noch eine Herberge in Reichweite, die aber etwas weiter weg war. In ganz Porto gibt es eben lediglich drei Pilgerherbergen, obwohl etliche Leute ihre Wanderung nach Santiago de Compostela hier starten!? Hotels und Pensionen wären auch noch Ausweichmöglichkeiten, ich wollte aber nicht so viel Geld ausgeben und vor allem: ich wollte mit dem Pilgerlebenstil gleich mal vertraut werden.
In der dritten Herberge gäbe es noch Betten. Ich bedankte mich für die Hilfe und lief weiter in Richtung U-Bahn. Zur Casa da Música musste ich. Grosse Umsteigestation an einem grossen auffälligen Gebäude, „müsste ich auch ohne Navi finden“.
Ihr wisst schon, was jetzt kommt, nicht wahr?
Ich musste vielmals nach dem Weg dahin fragen; bin ZWEIMAL um besagtes Casa da Música-Gebäude bzw. -Gelände gelaufen, und habe keinen U-Bahnhof gesehen. Ich fragte noch einmal Passanten: „Ach ja, die Station ist schwer zu finden. Wir laufen aber auch hin.“ Ich konnte zum Glück dieses freundliche Paar, das relativ frisch aus Brasilien nach Porto gezogen war, einfach bis zur U-Bahn folgen. Hurra, die U-Bahn ist da!
Die Herberge lag bei Senhora da Hora. An besagter Station fragte ich lieber gleich nach der richtigen Straße, statt sie ewig zu suchen. Es brauchte schon wieder mehrere Anwesenden, um mich richtig zu lotsen. Das Ziel nahte sich aber, ich spürte es!!!
Die Vorfreude bzw. meine Ungeduld ließ mich aber zu früh anhalten. Ich klingelte an einem größeren Vereinsgebäude, was eine plausible Pilgerherberge abgeben würde, es passierte aber nichts. Bzw. ich sah in der Ferne jemanden mir zuwinken, bzw. der mir mit großen Gesten zum Verstehen gab, dass ich noch weiterlaufen sollte. Die Person kannte ich nicht, aber aufgrund meiner Ausrüstung war es wohl offentsichtlich, wonach ich gerade suchte. Und zwar nicht das Gebäude, wovor ich gerade ratlos stand.
Ich lief weiter, fand die Herberge, ein Bett, und erhielt meinen allerersten Stempel auf meinen „Pilgerausweis“, la Credencial, sogar mit handgemalter Zeichnung. Dort war ich die erste übernachtende Frau und hatte die Frauendusche also ganz für mich alleine. Und: es gab heißes Wasser, was anscheinend nicht immer selbstverständlich wäre. Ich fühlte mich nun richtig „gesegnet“.
Bis ich geduscht, meine Tageswäsche gewaschen, aufgehangen und meinen Schlafplatz ein bisschen eingerichtet hatte, waren viele andere Pilger*innen angekommen.
In der Küche traf ich drei. Einen Holländer, der vor der Heimreise stand, nachdem er mit dem Rad gepilgert war, eine augenscheinlich sehr fröhliche bzw. zumindest offensichtlich sehr aufgeregte Rumänin, die sich gerade Abendbrot machte und am nächsten Tag auch mit ihrem ersten Jakobsweg starten sollte, sowie eine blutjunge Dänin, die auch hungrig war und mit mir in die Stadt für das Abendessen fahren wollte. Wir aßen ein üppiges Abendessen in einem Lokal, das nicht von Touristen überfallen wurde. Die Bedienung war ausgesprochen freundlich. Das Gespräch sehr nett. Wir wollten uns anschließend einen Portwein gönnen und ich nahm sie zum Flussufer mit, wo ich am Vortag viele schönen Läden gesehen hatte. Wir konnten also den Sonnenuntergang über die Altstadt auf einer wunderschönen Terrasse über dem Fluss bei einem feinen Portwein geniessen. Das war wunderbar.
Laut meines GPS-Trackers bin ich an dem Tag 17km bis zum Check-in in der Herberge und 22km insgesamt gelaufen. Ohne das Gefühl gehabt zu haben, wirklich gewandert zu sein. Dafür merkte mein Körper schon, dass das doch einen langen, umständlichen – und teilweise ganz schön steilen – Weg war. Ein gutes Training für die ähnlich lange erste richtige Etappe am nächsten Tag, dachte ich dann. Immerhin.
Ob ich im Schlafsaal, der bereits nach Stall roch, mit 20 Betten gut schlafen würde, war ich gespannt. Am nächsten Tag sollte es Richtung Spanien gehen, und schon wegen der Aufregung durfte ich also nicht allzu viel erholsamen Schlaf erwarten.
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