Camino 1, Tag 2

Nach der ersten Nacht in Portugal in meinem brandneuen Merinowolle-Schlafanzug stellte ich fest, dass ich anscheinend gegen Merinowolle allergisch wäre. Toll. Ich hatte voll auf diesen Wunderstoff für kältere Umgebungen gesetzt. Oder vielleicht war was im Haus bzw. Zimmer, in dem ich übernachtete? Ich würde ermitteln…

Als Übung für den eigentlichen Camino-Start wollte ich an dem Tag etwas mehr als üblich laufen. Vom Haus zum Bahnhof würde ich ca. 45-60 Minuten zu Fuss brauchen; das klang sehr gut. Meine größte Herausforderung: ich hatte kein Navi, (weil) kein Smartphone. Ich würde mich also mit der ausgedruckten, groben Umgebungskarte, die ich hatte, in der Pampa zurechtfinden müssen. Und darum ging es mir auch: den Weg mal eben so zu finden. In dem Sinne…

Ich habe mich verlaufen.

Mir wurde bewusst, dass ich gerade nicht mehr in die richtige Richtung lief, und ich suchte also irgendwie Hilfe in der kleinen Ortschaft, die ich eigentlich nicht weiter durchqueren sollte. Ein Anwohner hatte draußen in seinem Garten zu Mittag gegessen und wollte gerade mit Teller und Besteck zurück ins Haus gehen, als ich ihn ansprach. Er konnte wenig Englisch und ich kein Portugiesisch. Jedoch habe ich ihm zeigen können, wo ich hinwollte, und gefragt, ob ich gerade richtig lief. Er bestätigte, dass ich mich vom (kürzeren) Weg entfernte. Er war schockiert, dass ich so weit laufen wollte. Ich beruhigte ihn, wie ich konnte, versicherte ihm, dass ich viel Zeit hätte, bedankte mich und ging zurück in die richtige Richtung.

Nach 5 Minuten auf dem „richtigen“ Weg kam ein Auto vorbei, das auch prompt anhielt. Das war der Anwohner von vorhin! Ich tat ihm so leid, dass er sich entschieden hatte, mich einfach zum Bahnhof zu fahren.

Es war das erste Mal, dass ich erlebte, wie unglaublich freundlich und zuvorkommend Portugiesen sind.

Kein Bock auf Sightseeing

In Porto angekommen stellte ich fest, dass ich wirklich keine Lust auf Sightseeing hatte. Ich wollte in die Natur mit möglichst wenig Menschen um mich herum aufbrechen. Ich wollte keine Gebäuden anschauen, durch Menschenmassen meinen Weg nicht bahnen müssen, nichts kaufen, keine Bilder schießen. Nur laufen.

Ich bin also viel herumgelaufen. Und Porto ist wirklich wunderschön; ich war trotz fehlender Motivation, mich auf die Stadt einzulassen, doch begeistert.

Na gut. Porto kann man sich schon angucken.

Davor hatte ich vergeblich nach der Markthalle gesucht, in der ich mir ein schönes Mittagessen vorgestellt hatte: An der Stelle war bloss eine riesige Baustelle. Dafür konnte ich ein paar Spezialitäten in einem Restaurant in der Nähe entdecken: zum Beispiel die Francesinha, eine Art Croque-Monsieur mit Fleisch & Wurst, mit Käse überbacken und in scharfer roter Soße schwimmend. Es schmeckt wirklich so, wie es klingt. Wenn man viel gelaufen, sehr hungrig ist und nicht unbedingt vegetarisch essen möchte, ist das irgendwie befriedigend. Ob ich das nochmal essen würde? Weiß ich allerdings nicht.
Dazu trank ich einen frischen Vinho Verde, der mich ganz schön „anheiterte“. Als ziemliches Kateressen konnte meine Francesinha also vorbeugend wirken.

Ich glaube, ab dem Tag habe ich auf dem Camino täglich Alkohol getrunken. Sei es nur ein Glas, aber JEDEN TAG. Upsi.

Zurück im Haus-in-der-Pampa plauderte ich abends mit der Hausherrin. Über ihre Kunst und ihr zurückgezogenes Leben auf dem recht großen und recht schönen Gelände. Auch darüber, dass auf dem Gelände noch viel Platz für Gleichgesinnte wäre… Es erinnerte mich daran, dass ich ein paar Erstentwürfe für Bücher hatte. Hier würde ich wahrscheinlich gut schreiben können. Wenn diese kontaktfreudigen Wachhundinnen allerdings nicht ständig im Weg wären.

„Bis dahin schreibe ich erstmal in mein Tagebuch rein.“

Ich war davon genervt, ständig von ihnen gefolgt, abgeschleckt, angeknabbert, angebellt und herumgeschubst zu werden, sobald ich vor Ort war. Am nächsten Morgen habe ich meine Sachen gepackt, mich für die Gastfreundschaft bedankt und habe das Haus verlassen.

An besagtem nächsten Tag ging es zu meiner ersten Pilgerherberge.

Veröffentlicht von Peregrina

Unterwegsgedanken nach der Ankunft

3 Kommentare zu „Camino 1, Tag 2

    1. Hey Elli! Schön, dass Du mich liest!!! 🙂 Ich blogge allerdings zunächst anonym, habe mir also erlaubt, meinen Namen aus dem Kommentar wegzueditieren. Liebe Grüße aus der Großstadt!

      Like

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten