Camino 1, Tag 13

¡Hola!

Das war’s dann also mit Portugal. Am Morgen des Aufbruchs nach Spanien kippte ich vor lauter Aufregung meinen Kaffee auf den Boden der Küche in der Pilgerherberge. Und auf meinen Schlafsack, den ich dort wieder einpacken wollte, um die Nochschlafenden im 28-Betten-Schlafsaal mit dem Rascheln nicht zu wecken. Tja.
Ich würde auf dieser Reise eh kein Glück mit Kaffeeautomaten haben…

Dafür war das Wetter mal wieder perfekt zum Wandern: bedeckt, kühl aber nicht kalt.

Nach erneutem Durchqueren der Altstadt von Valença ging es dann auf die internationale Brücke.

Über dem Rio Minho/Miño

Irgendwie konnte ich die Strecke an sich an dem Tag wenig Aufmerksamkeit schenken. Ich wollte schnell durchkommen. So bin ich zwar durch Tui gelaufen, habe aber nicht wahrgenommen, dass es eine schöne Kleinstadt war. Vielleicht auch deswegen, weil der Morgennebel noch über dem Weg hing.

Weil wir bald „nur noch“ 100km bis Santiago de Compostela laufen müssen würden, gab es ab Valença und Tui merklich mehr Pilger*innen unterwegs.

„Um heute die Compostela zu erhalten, muss man zumindest die letzten 100 km zu Fuß oder aber die letzten 200 km mit dem Fahrrad oder zu Pferd zurückgelegt haben. Als Nachweis dafür dient ein Pilgerausweis (Spanisch: Credencial de peregrino). Die Compostela bekommt man im Pilgerbüro des Domkapitels der Kathedrale von Santiago de Compostela kostenlos ausgestellt.“

https://de.wikipedia.org/wiki/La_Compostela

Zu Mittag machte ich in einer Taberna Halt, die der Autor meines Pilgerführers treffend als „urig“ bezeichnete. Habe gezählt, mindestens 10% der Anwesenden waren gehbehindert. Erstaunlich.
Um die Uhrzeit waren nur Leute aus der Nachbarschaft da; viele mit dem berüchtigten Ribeiro Rotwein in einer traditionellen Trinkchale vor sich. Leider hatte ich mein *räusper* mittleweile traditionnelles Mittagsbierchen bestellt und konnte unmöglich noch einen Wein dazu trinken. Ich hoffte, dass ich eine weitere Gelegenheit bekommen würde, diesen Wein in dieser Form zu kosten, leider wurde es auf diesem Jakobsweg nichts daraus.

Tragisch. Nicht wahr? 😀

Habe später in O Porriño angehalten, um einen Espresso zu trinken. Nach dem Aufbrechen von der Gaststätte kam mir ein bekanntes Gesicht entgegen. „Mein deutscher Mitpilger“ wieder! Er war dieses Mal alleine unterwegs: seiner Begleitung ging es nicht gut und sie hätte aufgegeben; sie würde mit dem Zug nachkommen. Die andere Deutsche, mit der die beiden in der gleichen Pension übernachtet hatten, hätte ebenfalls aufgegeben. Sie hätte jetzt schon keine Lust mehr auf Spanien. Angeblich hatte sie in der Nacht zuvor einen sehr unangenehmen Abend; ich meine aber, ihr ging es nie darum, den Weg bis zum Ziel zu gehen. Sie wollte Urlaub machen. Und wie viele, die auf dem Weg dachten, sie könnten so „Urlaub machen“, gab sie auf: Für Urlauber*innen ist der Weg nicht lohnenswert: es ist einfach anstrengend und manchmal ohne die Belohnung, eine „schöne“ Strecke hinter sich gebracht zu haben. Man muss den Weg an sich gehen wollen, um ihn zu schaffen, denke ich.

Ab dem Zeitpunkt hörte ich öfter, dass Leute so aufgegeben hatten.

Auf dieser Tagesetappe gab es mehr steile Abschnitte als sonst und ich wollte etwas weiterlaufen, als ich sonst üblicherweise lief. War aber so im Schwung, dass ich den Abzweig zur angepeilten Pilgerherberge verpasste und unabsichtlich bis Mos lief. Es wurden an dem Tag 30km. Das war für meinen Geschmack zu viel, obwohl ich mich dabei sehr gut gefühlt hatte. Wusste aber, dass wenn ich mich übernähme, würde ich vielleicht wegen Verletzung oder Fussblasen abbrechen müssen. Das wollte ich nicht. Am nächsten Tag würde ich weniger laufen.

Bei der Ankunft in der Pilgerherberge wurde ich betont herzlich von einem spanischen Mitpilger dazu eingeladen, mich von ihm im Pilgerkostüm abfotografieren zu lassen, denn es lag zu diesem Zweck ein traditionelles Pilgergewand am Empfang. Es war nett.

Hatte keine grosse Lust auf Plaudern und wurde etwas perplex, wie ich das vermeiden könnte: Im Dorf schienen sich lediglich Pilger*innen aufzuhalten und es gab nur eine Gaststätte um die Ecke, wo also alle speisen und trinken würden.

Nach dem Duschen, Wäschewaschen und -aufhängen und dem Dehnen, bekam ich noch einen Nachbar im Schlafsaal: den einen Wanderer, dem ich zuvor mit seinem Kumpel mit Lautsprecher begegnet war. Auch er hatte seinen Wegbegleiter nun verloren. Der Kumpel konnte wohl nicht mehr.
Zumindest für ein paar Tage, würde ich später feststellen. Auch ihm traf ich nämlich nochmal.

Ich habe mich dann doch breitschlagen lassen, mit ihm und vielen anderen gemeinsam das Abendessen zu teilen. Da gab es für mich wieder anstrengende lange Gesprächsbeiträge von anderen. Manche redeten sogar von der Arbeit, denn sie bearbeiteten täglich ihre E-Mails noch…!?!?!?!

Ich konnte mich aber gut früh ausklinken. Es war ein schöner Abend, wobei ich bald genug hatte.

¡Buen camino!

Am nächsten Tag konnte ich mehr Zeit alleine verbringen. Nicht zuletzt, weil ich abends ein Einzelzimmer in einer Herberge belegen konnte.

Mehr dazu hier.

Veröffentlicht von Peregrina

Unterwegsgedanken nach der Ankunft

Ein Kommentar zu “Camino 1, Tag 13

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