Am Vortag hatte ich gegen Etappenende mich zwar Sorgen gemacht, dass ich keinen Schlafplatz mehr in der Pilgerherberge von Portela bekommen würde, es hatte aber geklappt. Ich war an dem Morgen die Letzte auf den Beinen, hetzen sollte ich aber nicht. Ich wollte lieber gemütlich laufen und mich treiben lassen.
Ich toastete mir erstmal Brot vom Vortag, trank den Restkaffee aus, den die Südamerikaner gekocht hatten, und räumte noch mit dem Italiener ein bisschen auf. Er spülte ab; ich sorgte für Ordnung und kümmerte mich um den Müll. Als ich vor den Recycling-Tonnen im Garten stand, beschloss ich, den ganzen Müll ordentlich zu trennen. Es nahm einige Zeit in Anspruch, war aber sehr befriedigend, eine saubere, ordentliche Herberge mit fachgerecht getrenntem Müll zu verlassen.
Ich meine, ich bin ganz schön deutsch geworden. 😀
Es wurde dann spät. Erst gegen 10 brach ich auf.
Ich machte sogar noch einen kleinen Umweg über den Parque Natural Ria Barosa. Es war ein netter Ausflug; ich hielt mich dort aber nicht lange auf. Ich blieb am Fuss des Wasserfalls am Parkeingang kurz stehen, lief kreuz und quer am Bach lang und ging schließlich zum Jakobsweg zurück.
Weil ich an dem Tag so spät gestartet war, traf ich auf wenige Wander*innen. Dafür begegnetete ich einigen Radpilger*innen mehrmals sowie einer Mutter und ihrem Sohn, die in der gleichen Herberge wie ich übernachtet hatten.
Die restliche Tagesetappe war sehr ruhig. Ich fühlte mich nicht unter Druck gesetzt, irgendwo irgendwann anzukommen. Bzw. setzte ich mich diesbezüglich nicht unter Druck.
Zu Mittagszeit kam ich in Caldas de Reis an. Kurz vor dem Ortseingang schlug ich in den Pilgerführer nach Empfehlungen nach, wo ich am besten anhalten könnte. Bevor ich darüber eine Entscheidung treffen konnte, lachte mich ein schlichtes aber sehr freundliches Café-Bistrot am Wegerand an. Lauter fröhliche Gesichter auf der Terrasse, der Wirt wirkte auch sehr nett. Ich entschied mich also, erstmal dort zu essen. Und bereute es nicht.
Der Wirt konnte gar kein Englisch aber wir konnten uns mit den wenigen spanischen Vokabeln, die ich kannte, irgendwie verständigen. Er war sehr bemüht, mir galizische Spezialitäten kosten zu lassen, und obwohl ich nur ein Getränk und somit nur eine Tapa dazu wenn überhaupt hätte bekommen sollen, bekam ich mehrere. Überhaupt fühlte ich mich da sehr willkommen und entschied mich, mir die Pilgerherberge vor Ort anzuschauen, denn so entwickelte ich ein positives Gefühl über den Ort.
Schon unterwegs zur Herberge war ich entzückt: ich fand das Städchen sehr hübsch. Ein Kurort, in dem man seine Füße in Thermalwasser einfach so baden könnte. Das nahm ich mir für nach dem Einchecken vor.
Was ich dann doch wieder vergessen würde.
Die Herberge war noch wenig besucht und ich konnte mir also einen Platz in einem kleineren (4-Betten-)Schlafsaal aussuchen. Die Herberge war sehr schlicht, aber gut ausgestattet. Ich genoss mal wieder eine ergiebige, fast ungestörte warme Dusche, machte meine Tageswäsche und dehnte mich auf dem Vorplatz vor der Wäscheleine. Danach suchte ich mir ein wenig besuchtes – und pilgerfreies – Café aus und führte Tagebuch. Als die ersten weiteren Pilger*innen erschienen, ging ich weiter. Ich holte mir dann eine Süssigkeit in einer Pastelería. Ein Riesencroissant mit süßer Schlagsahne. Es war so groß und reichhaltig, dass ich an dem Tag nichts mehr essen wollte. Was für mich was bedeuten sollte!
Nach diesem „Snack“ hatte ich den Drang, mehr zu laufen und ging erstmal in den Botanischen Garten spazieren. Die Tagesetappe war sowieso kurz gewesen und ich lief dann solange am Flussufer lang, bis ich die Stadt deutlich verlassen hatte. Unter einer Autobahnbrücke konnte ich über den kleinen Fluss gehen. Ich dachte mir, dass ich den Weg zurück auch über das andere Ufer finden könnte. Ich war etwas aufgeregt, es nicht sicher zu wissen und durch karg besiedelte und gar nicht befahrene Siedlungen auf einer „Bergstraße“ zu laufen. Die Straße verlief parallel zum Ufer und ich konnte irgendwann tatsächlich den Fluss wieder überqueren, um in das Städtchen und zur Herberge zurückzukommen.
Dort traf ich die eine Wanderin, die am Vorabend in Portela auch Ruhe im Schlafsaal gesucht hatte. Sie war mir dankbar, dass ich die anderen dort zum Schweigen gebracht hatte. Wir verabredeten uns zum Ribeiro-Wein trinken.
Ich hatte gehofft, den Wein jetzt endlich traditionell in der tazita probieren zu können. Leider meinte der Wirt, dass es „unhygienisch“ wäre und sowieso weniger gut schmecken würde, den Wein aus der Trinkschale statt aus dem Glas zu trinken. Na gut. Dann halt nicht.
Wir haben wenig miteinander gesprochen, sie war mit ihrem Freund telefonisch verabredet, der gerade in Japan war. Sie war deswegen auf dem Jakobsweg unterwegs, weil er ohne sie seine Reise geplant hatte und sie auch einen besonderen Urlaub in der Zeit erleben wollte. Die Situation machte sie ersichtlich und offenkundig betroffen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich nach der Reise von ihm getrennt hat.
Als redselige Mitpilger*innen sich zu uns am Tisch selbst einluden, wurde es recht ungemütlich für uns etwas ruhebedürftigere Wanderinnen. Ich verabschiedete mich also bald von der Runde, meine „Ribeiro“-Kollegin nutzte die Gelegenheit auch, einen Abgang zu machen.
Am nächsten Tag würde ich bis Padrón laufen. Angeblich einem „wichtigen“ Pilgerort.
Von dieser heiteren nächsten Etappe erzähle ich hier.
Ein Kommentar zu “Camino 1, Tag 16”